{"id":3566,"date":"2018-01-22T18:54:44","date_gmt":"2018-01-22T18:54:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mytwostotinki.com\/?p=3566"},"modified":"2018-01-22T18:54:44","modified_gmt":"2018-01-22T18:54:44","slug":"moldauisches-heft-1-bucher-und-menschen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.mytwostotinki.com\/?p=3566","title":{"rendered":"Moldauisches Heft (1): B\u00fccher und Menschen"},"content":{"rendered":"<p><strong>B\u00fccher und Menschen<\/strong><\/p>\n<p><strong>K. und ich sitzen dicht neben dem kleinen altert\u00fcmlichen Ofen, der auf Hochtouren l\u00e4uft, aber gerade nur so viel W\u00e4rme abgibt, dass man es eben noch so aushalten kann im winterlich kalten Studio des Malers und Dichters D. P. in Chisinau. Uns gegen\u00fcber sitzt D., der gerade in einen Katalog eines bulgarischen Malers vertieft ist, den er zu dessen Lebzeiten gekannt hat; zwischen uns ein Tisch auf dem sich Malutensilien, diverse Brillen, Medikamentenschachteln, ein Teller mit Fr\u00fcchten und drei noch halbvolle Gl\u00e4ser mit moldauischem Cognac ein Stelldichein geben. D. strahlt. Der Besuch und das Interesse an seinen Gem\u00e4lden tun ihm gut und er bl\u00fcht f\u00f6rmlich auf. Besonders gegen\u00fcber der jungen Frau zeigt er sich aufmerksam und charmant und ich wundere mich nicht, dass sehr viele seiner im Studio befindlichen Werke Portr\u00e4ts meist junger Frauen und M\u00e4dchen sind. Trotz seiner 74 Jahre flirtet er ein wenig mit K., die es mit gutem Humor aufnimmt. Zur aufgekratzten Stimmung tr\u00e4gt auch bei, dass ich ein Bild gekauft habe, ein stimmungsvolles, sch\u00f6n komponiertes Stillleben mit Fr\u00fcchten und einer Karaffe, welches mir sofort auffiel. D. hat gro\u00dfe Probleme mit den Augen und der ausgemachte Kaufpreis hilft, die notwendige Operation zu bezahlen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u2013 \u201aIch komme aus einer Familie, in der es B\u00fccher gab und in der gelesen wurde\u2018, sagt D.<\/strong> <strong>nachdem er den Katalog zur Seite gelegt hat. \u2013 \u201aDas war ganz und gar nicht allt\u00e4glich in unserem Dorf im Budzhak, dem heute zur Ukraine geh\u00f6renden Teil Bessarabiens. Die Liebe zur bulgarischen Sprache habe ich von meiner Mutter, das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr den Reichtum der Muttersprache und daf\u00fcr, dass Sprache mehr sein kann als nur ein blo\u00dfes Verst\u00e4ndigungsmittel; das Wissen, dass man wirklich in der Sprache wohnen und zuhause sein kann habe ich von ihr. Die Liebe zu und der Respekt vor B\u00fcchern kommt dagegen vom Vater und Gro\u00dfvater. Zu Anfang des letzten Jahrhunderts hat Gro\u00dfvater angefangen, eine private Bibliothek zusammenzutragen. Darin gab es B\u00fccher in verschiedenen Sprachen, Bulgarisch, Russisch, Rum\u00e4nisch\u2026viele davon m\u00fcssen teuer gewesen sein; es waren aufwendig gedruckte und gebundene B\u00e4nde darunter, viele mit Illustrationen. Er liebte besonders Werke zu religi\u00f6sen Themen. Auch mein Vater kaufte sp\u00e4ter B\u00fccher f\u00fcr diese private Bibliothek. Als dann die Rum\u00e4nen kamen, f\u00fcllte er eine gro\u00dfe h\u00f6lzerne Truhe mit B\u00fcchern in russischer Sprache, die er dann irgendwo vergrub. Wer russische B\u00fccher im Haus hatte, galt den Rum\u00e4nen als gef\u00e4hrlich, als Verr\u00e4ter, und hatte mit schweren Konsequenzen zu rechnen; mancher verlor sein Leben wegen ein paar russischer Erbauungsb\u00fccher im Haus. Sp\u00e4ter kamen dann die Russen zur\u00fcck, und wieder wurde eine gro\u00dfe h\u00f6lzerne Truhe gef\u00fcllt, diesmal mit B\u00fcchern in rum\u00e4nischer Sprache. Nun wurde n\u00e4mlich jeder mit rum\u00e4nischen B\u00fcchern im Haus als Verr\u00e4ter angesehen und schwer bestraft, in die Verbannung geschickt oder erschossen. Niemand wei\u00df heute mehr, wo die Truhen vergraben sind; vielleicht hat jemand sein Haus dort gebaut, wo sie liegen, nicht ahnend, was f\u00fcr ein Schatz und was f\u00fcr eine Geschichte dort verborgen ist.\u2018<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00dcber das Buchenland, die Bukowina, und seine Hauptstadt Czernowitz sagte Paul Celan, dass dort einst B\u00fccher und Menschen lebten; doch dasselbe gilt wohl auch f\u00fcr das benachbarte, am gleichen Meridian gelegene Bessarabien.<\/strong><\/p>\n<pre><strong>\u00a9 Thomas H\u00fcbner\u00a0and mytwostotinki.com, 2014-8. Unauthorized use and\/or duplication of this material without expressed and written permission from this blog\u2019s author and\/or owner is strictly prohibited. Excerpts and links may be used, provided that full and clear credit is given to Thomas H\u00fcbner\u00a0and mytwostotinki.com with appropriate and specific direction to the original content.<\/strong><\/pre>\n<div><\/div>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><div class=\"dmrights_badge\">\r\n\t\t<script type=\"text\/javascript\">\r\n\t\t\tcatalogCode = \"AAA-1100-01\"\t\t\r\n \t\t<\/script> \r\n\t\t<div id=\"DMR-seal\"><\/div>\r\n\t\t<script type=\"text\/javascript\" src=\"http:\/\/ipregistry_wp.dmrights.com\/dmr.js\"><\/script>\r\n\t\t<\/div><br \/>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>B\u00fccher und Menschen K. und ich sitzen dicht neben dem kleinen altert\u00fcmlichen Ofen, der auf Hochtouren l\u00e4uft, aber gerade nur so viel W\u00e4rme abgibt, dass man es eben noch so aushalten kann im winterlich kalten Studio des Malers und Dichters D. P. in Chisinau. 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