{"id":7254,"date":"2019-10-03T14:14:55","date_gmt":"2019-10-03T14:14:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mytwostotinki.com\/?p=7254"},"modified":"2019-10-12T19:23:46","modified_gmt":"2019-10-12T19:23:46","slug":"18-braun-vom-fall-eines-bulgarischen-intellektuellen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.mytwostotinki.com\/?p=7254","title":{"rendered":"18% Braun: Vom Fall eines bulgarischen Intellektuellen"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Die L\u00e4nder Osteuropas tun sich nach wie vor schwer mit der Einordnung ihrer Geschichte und der Personen und Str\u00f6mungen, die sie gestaltet haben. Das gilt vor allem f\u00fcr das Erbe aus der Zeit unmittelbar vor der kommunistischen Machtergreifung. In vielen osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern gab es seit den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts faschistische oder offen nationalsozialistische Gruppierungen, die sich grosser Unterst\u00fctzung in Teilen der Bev\u00f6lkerung erfreuten, und die in der Regel einen radikalen Antikommunismus mit einem totalit\u00e4ren Gesellschaftsmodell und eliminatorischem Antisemitismus nach nationalsozialistischem Vorbild verkn\u00fcpften. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Aus diesen Gruppierungen erwuchsen den Nazis vor und bei Kriegsausbruch fanatische Unterst<\/strong><a><strong>\u00fc<\/strong><\/a><strong>tzer f\u00fcr ihre Gewaltpolitik, in deren Zug sie ganze Rassen ausrotten wollten, allen voran die Juden und Roma. Die seit Jahrhunderten verbreiteten Vorurteile und gesellschaftlichen Ausgrenzungen, sowie die vorhandene Gewaltbereitschaft gegen\u00fcber diesen Bev\u00f6lkerungsgruppen in Osteuropa wurde von den Nazis gerne aufgegriffen und f\u00fcr ihr barbarisches Ausmerzungsprojekt dienstbar gemacht. Die antisemitischen und faschistischen Organisationen der \u201eEliten\u201c in diesen L\u00e4ndern verschwanden zwar scheinbar sp\u00e4ter mit der kommunistischen Machtergreifung, die Personen und Geisteshaltungen aber blieben selbstverst\u00e4ndlich weitgehend unver\u00e4ndert.<\/strong> <\/p>\n\n\n\n<p><strong>W\u00e4hrend sich viele f\u00fchrende Vertreter faschistischer Gruppierungen rechtzeitig in den Westen absetzten und mancher auch im Rahmen von Prozessen, die meist wenig rechtsstaatlich waren, hingerichtet oder zu langj\u00e4hrigen Gef\u00e4ngnisstrafen verurteilt wurde, blieben viele auch unbehelligt. Der Zusammenbruch des kommunistischen Blocks in Osteuropa f\u00fchrte unter anderem auch dazu, dass sich politische Gruppierungen bildeten, die sich bewusst an Vorkriegsorganisationen anlehnten oder in deren Tradition sehen. Dabei wurde in der Regel der Antikommunismus dieser Gruppierungen in den Vordergrund gestellt, die totalit\u00e4r-faschistische und antisemitische Tradition aber gerne verschwiegen oder relativiert. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hartgesottene Antisemiten und Rassisten, die das kommunistische Regime \u00fcberlebt haben und bis heute stolz auf ihre (Un-)Taten gegen\u00fcber Juden sind und die in einigen F\u00e4llen Jahrzehnte hinter Gittern in einem kommunistischen Gef\u00e4ngnis verbracht hatten, wurden von vielen pl<\/strong><a><strong>\u00f6<\/strong><\/a><strong>tzlich ungeachtet (oder vielleicht gerade wegen?) ihres offenen und ungel\u00e4uterten Eintretens f\u00fcr die Ideologie ihrer Jugendjahre als antikommunistische M\u00e4rtyrer und Helden und Vorbilder f\u00fcr die Jugend des 21. Jahrhunderts dargestellt. Und immer wieder finden sich willige Intellektuelle, die dieses revisionistische Narrativ aus ganzem Herzen unterst\u00fctzen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Von einem solchen Fall will ich hier berichten. Im Zentrum steht dabei der bulgarische Schriftsteller Zachary Karabashliev, dessen Roman 18% Grau auch in englischer \u00dcbersetzung vorliegt. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Um was geht es konkret? Auf seinem Facebook-Profil berichtete Karabashliev von einem Besuch bei einem 97-j\u00e4hrigen Rentner, den er mit Fotos und erl\u00e4uterndem Text versah. Diese Begegnung hat ihn nach eigenen Worten stark beeindruckt. Der alte Herr, offenbar noch erstaunlich r\u00fcstig f\u00fcr sein Alter, wurde diesem Bericht zufolge mehrfach von Eindringlingen in seiner Wohnung bel\u00e4stigt und wohl auch physisch misshandelt. Karabashliev forderte vom zust\u00e4ndigen Ministerium in einem Brief einen besseren Schutz bzw. eine erh\u00f6hte Rente des Kriegsveteranen, der zudem auch viele Jahre in einem Gef\u00e4ngnis des kommunistischen Bulgariens als Regimegegner einsass. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>So weit, so gut. Es gibt wohl niemanden, der die schlechte Versorgung von Rentnern in Bulgarien und auch den h\u00e4ufigen Mangel an Anerkennung, den die vielen unschuldigen Opfer der kommunistischen Systemjustiz gegen Regimegegner in der heutigen bulgarischen Gesellschaft erhalten, nicht bedauert. Also durchaus eine edelm\u00fctige Aktion, die dem Initiator zur Ehre gereicht, k\u00f6nnte man auf den ersten Blick glauben. Ein anderes Bild jedoch ergibt sich, wenn man etwas tiefer gr\u00e4bt. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der alte Herr, von dem Karabashliev berichtet, und den er mehrfach in \u00f6ffentlichen \u00c4usserungen \u2013 auch im Fernsehen \u2013 als Helden tituliert hat, heisst Dyanko Markov. Markov war von im kommunistischen Bulgarien aus politischen Gr\u00fcnden inhaftiert und wurde in den Jahren nach 1989 rehabilitiert. Er war danach Parlamentsabgeordneter einer rechten Partei und wurde die prominenteste lebende Symbolfigur der&nbsp;Rechten in Bulgarien wegen seines unbeugsamen Antikommunismus. Markov schrieb seine Memoiren, trat h\u00e4ufig als Redner bei \u00f6ffentlichen Veranstaltungen auf (u.a. auch im Europaparlament) und wurde immer wieder interviewt. Er ist also nicht irgendein Rentner, sondern in Bulgarien eine sehr bekannte Figur des \u00f6ffentlichen Lebens. Wir haben es mit jemandem zu tun, den viele \u2013 so auch Karabashliev \u2013 geradezu f\u00fcr einen musterg\u00fcltigen Helden halten und als solchen immer wieder der \u00d6ffentlichkeit vorstellen.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>In der ersten Version seines Facebook-Posts erw\u00e4hnte Karabashliev auch ausf\u00fchrlich und bewundernd einen Teil der Biographie Markovs, den er interessanterweise sp\u00e4ter redigierte und komplett strich. Dieser Abschnitt bezog sich auf die Mitgliedschaft Markovs bei den sog. \u201eLegion\u00e4ren\u201c und seine angeblich heldenhaften Taten w\u00e4hrend des 2. Weltkriegs. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Bund der Bulgarischen Nationalen Legionen war eine antisemitische und offen faschistische paramilit\u00e4rische Organisation, die ab 1933 von Hristo Lukov gef\u00fchrt wurde (er benutzte den Titel \u201eNationaler F\u00fchrer\u201c). Die Jugendorganisation der Legion\u00e4re nutzte in ihrem Emblem das Hakenkreuz, die Uniformen des Verbandes und auch das Programm waren direkt an das Muster der nazistischen SA angelehnt und auch sonst wurde diese Bewegung als Arm Hitlers in Bulgarien angesehen und entsprechend von Nazideutschland gef\u00f6rdert. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der eliminatorische Antisemitismus wurde in Bulgarien besonders aktiv von radikalen Gruppen wie den Legion\u00e4ren propagiert. Lukov, der schliesslich zum General, Kriegsminister und zur grauen Eminenz im Hintergrund aufstieg, nutzte die Legion\u00e4re, um auch politisch immer mehr Einfluss zu gewinnen; &nbsp;die Gestapo diskutierte ernsthaft, ob man einen Staatsstreich Lukovs gegen den bei der Judenvernichtung in Bulgarien aus opportunistischen Gr\u00fcnden \u2013 die Niederlage der Nazis war bereits absehbar &#8211; z\u00f6gerlichen Zar Boris III durchf\u00fchren sollte und an seiner Stelle Lukov als Diktator, der die Judenvernichtung in Bulgarien \u201eliefern\u201c w\u00fcrde, unterst\u00fctzen sollte. Dazu kam es am Ende nicht, Lukov wurde von der 19-j\u00e4hrigen j\u00fcdischen Partisanin Violeta Yakova bei einem Attentat get\u00f6tet (sie wurde sp\u00e4ter von bulgarischen Sicherheitskr\u00e4ften bestialisch vergewaltigt und zu Tode gefoltert); der starke Widerstand vieler bulgarischer B\u00fcrger, einiger Politiker (wie Dimitar Peshev) und der Orthodoxen Kirche in Bulgarien f\u00fchrten dazu, dass Bulgarien die Juden im eigenen Land nicht an die Nazis auslieferte. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Juden in den von Bulgarien besetzten Gebieten Thrakiens, Mazedoniens und der serbischen Region Pirot hatten weniger Gl<\/strong><a><strong>\u00fc<\/strong><\/a><strong>ck: sie wurden als einzige Einwohner dieser Gebiete nicht als Bulgaren angesehen, und mit diesem \u201eTrick\u201c hatte man die Grundlage geschaffen, sie zu deportieren. Die Deportation in diesen Gebieten wurde von Bulgaren organisiert und durchgef\u00fchrt, Mitglieder der Bulgarischen Nationalen Legionen zeigten sich besonders eifrig, entsprach der Mord an den Juden doch ihrem eigenen Programm. Mehr als 11000 Juden wurden \u00fcberwiegend nach Treblinka zur Vergasung deportiert. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Gr\u00fcnder und \u201eF\u00fchrer\u201c dieser Organisation, die Hand- und Spanndienste beim Judenmord leistete, Hristo Lukov, ist das&nbsp;Idol vieler Neo-Nazis in Europa bis heute, er wird jedes Jahr mit einem Fackelzug gewaltbereiter Rechtsextremisten aus ganz Europa auf den Strassen von Sofia \u201egeehrt\u201c. Lukov ist auch das&nbsp;verehrte Idol von Dyanko Markov, und er propagiert bis heute das Gedankengut der Legion\u00e4re. Seine Memoiren singen das Heldenlied dieser Organisation. Der Holocaust in den von Bulgarien besetzten und annektierten Gebieten wurde von Markov in einer Rede im bulgarischen Parlament im Jahr 2000 dahingehend kommentiert, dass die Deportation einer \u201efeindlichen Bev\u00f6lkerungsgruppe\u201c kein Kriegsverbrechen sei. Im Jahr 2018 erg\u00e4nzte er dazu noch, dass die Deportation nach Treblinka \u201erelativ human\u201c gewesen sei. Fast zeitgleich erhielt Markov vom bulgarischen Staat einen hohen Verdienstorden. Man fragt sich allerdings, wof\u00fcr&#8230;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>In diesem Punkt liegt der eigentliche Skandal, in dessen Mittelpunkt sich Karabashliev jetzt, wohl aus tiefster \u00dcberzeugung selbst man\u00f6vriert hat. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wenn es ihm und seinen einschl\u00e4gig bekannten Co-Propagandisten darum gegangen w\u00e4re, auf das Los der Veteranen, der ehemaligen H\u00e4ftlinge und Opfer des kommunistischen Unrechtsregimes oder generell auf die sch\u00e4ndliche Situation, in der viele betagte Menschen in Bulgarien vegetieren m\u00fcssen, aufmerksam machen zu wollen, h\u00e4tte man sich ohne weiteres fast jeden beliebigen \u00e4lteren Menschen in Bulgarien als Beispiel aussuchen k\u00f6nnen. Dass man ausgerechnet einen Dyanko Markov, dessen Auftritt im Europ\u00e4ischen Parlament vor wenigen Jahren einen grossen Skandal ausl\u00f6ste, nachdem sein ungebrochenes Eintreten f\u00fcr eine menschenverachtende Organisation und Ideologie und seine Holocaust-Relativierung bekannt wurde, ist nat\u00fcrlich politisches Programm der kleinen Gruppe, die ihn immer wieder instrumentalisiert, um verbrecherische faschistische Organisationen aus dem Vorkriegs-Bulgarien zu rehabilitieren und daraus letzten Endes politisches Kapital zu schlagen. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wer darauf hinweist, dass hier eine inhumane Ideologie propagiert wird und eine Gruppierung, deren Hauptziel nach eigener Aussage der Massenmord an bestimmten Bev\u00f6lkerungsgruppen und der Angriffskrieg im Osten war, zu Heroen aufgebaut werden sollen, muss sich auf einiges gefasst machen, von \u2013 am Ende erfolglosen &#8211; Verleumdungsprozessen bis hin zu geifernden, hasserf\u00fcllten pers\u00f6nlichen Angriffen aus dem Lager von Karabashlievs Gesinnungsgenossen. Leider liegen derartige Tendenzen wohl im Zeitgeist, denn in Bulgarien, das von einer Regierungskoalition rechter und rechtsextremer Parteien regiert wird, gibt es seit einiger Zeit auch unter Intellektuellen Str\u00f6mungen, die den Holocaust relativieren oder leugnen, und die \u201eden Juden\u201c die Schuld am Kommunismus und seinen Verbrechen geben (und insofern den Massenmord an ihnen als entschuldbare Reaktion darauf interpretieren); auch der uralte antisemitische Topos von den Juden als Christus-M\u00f6rdern feiert Wiederauferstehung, z.B. in den Spalten des einstmals angesehenen Portals \u201eKultura\u201c. Dass sich bulgarische Schriftsteller wie Karabashliev und einige andere aus der zweiten und dritten Garnitur dazu hergeben, ist eine moralische Bankrotterkl\u00e4rung. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Fall Karabashliev wiegt besonders schwer aufgrund seiner einflussreichen Stellung im bulgarischen Verlagswesen. Bezeichnenderweise hat \u2013 mit der Ausnahme von Angel Igov, der der Darstellung von Karabashliev und seiner Bundesgenossen mit Hinweis auf die Fakten widersprochen hat und von Lea Cohen, die als J\u00fcdin ohnehin traditionell eine Zielscheibe der bulgarischen Antisemiten ist  \u2013 meines Wissens bisher noch kein anderer Autor zu dem Vorgang Stellung genommen. Zu gross ist offenbar die Angst, auf dem kleinen bulgarischen Buchmarkt Pulikationsm\u00f6glichkeiten zu verlieren oder bei Lesern anzuecken, von denen wohl ein betr\u00e4chtlicher Teil mit Markovs und Karabashlievs Geschichtsrevisionismus sympathisiert. Man mag das Feigheit oder komplette Abgestumpftheit gegen\u00fcber moralischen Werten nennen; ein Trauerspiel und ein besorgniserregendes Symptom f\u00fcr den Zustand der bulgarischen Gesellschaft ist es auf jeden Fall. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\"><strong>\u00a9 Thomas H\u00fcbner and Mytwostotinki, 2014-9. Unauthorized use and\/or duplication of this material without expressed and written permission from this blog\u2019s author and\/or owner is strictly prohibited. Excerpts and links may be used, provided that full and clear credit is given to Thomas H\u00fcbner and Mytwostotinki with appropriate and specific direction to the original content.<\/strong>\ufeff<\/pre>\n<div class=\"dmrights_badge\">\r\n\t\t<script type=\"text\/javascript\">\r\n\t\t\tcatalogCode = \"AAA-1100-01\"\t\t\r\n \t\t<\/script> \r\n\t\t<div id=\"DMR-seal\"><\/div>\r\n\t\t<script type=\"text\/javascript\" src=\"http:\/\/ipregistry_wp.dmrights.com\/dmr.js\"><\/script>\r\n\t\t<\/div><br \/>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die L\u00e4nder Osteuropas tun sich nach wie vor schwer mit der Einordnung ihrer Geschichte und der Personen und Str\u00f6mungen, die sie gestaltet haben. Das gilt vor allem f\u00fcr das Erbe aus der Zeit unmittelbar vor der kommunistischen Machtergreifung. 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