{"id":7543,"date":"2019-11-23T15:19:53","date_gmt":"2019-11-23T15:19:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mytwostotinki.com\/?p=7543"},"modified":"2019-11-23T15:37:58","modified_gmt":"2019-11-23T15:37:58","slug":"selbstkommodifizierung-von-autoren","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.mytwostotinki.com\/?p=7543","title":{"rendered":"Selbstkommodifizierung von Autoren"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Auch in der Literatur hat sich in den letzten Jahrzehnten so etwas wie <em>Commodification<\/em> ausgebreitet. Bestimmten Autoren ist es gelungen, so etwas wie ein Markenartikel zu werden. Ein charakteristisches Beispiel daf\u00fcr ist Ernest Hemingway, und in einer Besprechung eines seiner Romane <a aria-label=\"habe ich dar\u00fcber auch kurz geschrieben (opens in a new tab)\" rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.mytwostotinki.com\/?p=602\" target=\"_blank\">habe ich dar\u00fcber auch kurz geschrieben<\/a>. Ein Autor, von dem alle ein bestimmtes Bild im Kopf haben, dass sich gewisserma\u00dfen von seinem literarischen Werk abgekoppelt\u00a0hat und dieses h\u00e4ufig komplett ersetzt hat. Es soll Leute geben, die Hemingway als Lieblingsautor angeben, auch wenn sie noch nie ein Buch von ihm gelesen haben. (Mancher w\u00e4re unangenehm \u00fcberrascht, wie schlecht und schwer ertr\u00e4glich manches von Hemingway ist, w\u00fcrde er ihn denn lesen.)  <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dazu kommt, dass der Autor\/in, der\/die h\u00e4ufig in den Medien erscheint, in aller Munde ist und dadurch auch zum beliebten Gespr\u00e4chsthema sich als gebildet betrachtender Menschen bei Cocktailpartys und dergleichen Gelegenheiten wird. Dabei ist es gar nicht unbedingt notwendig, herausragende Werke zu verfassen, entscheidend ist das soziale Interesse der Konsumenten.  <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ein Autor, der das ganz ausgezeichnet verstanden hat, ist Peter Handke. Schon bei seinem allerersten Auftreten in den 1960er Jahren provozierte er das gesamte literarische Establishment der Gruppe 47; sp\u00e4ter kam dann seine <em>Publikumsbeschimpfung<\/em> dazu, in der er das Theaterpublikum auf \u00e4hnliche Weise provozierte. Die Leute finden das nat\u00fcrlich unterhaltsam und man kann sich je nach Naturell auch wunderbar dar\u00fcber aufregen. Beides ist gut f\u00fcr den Autor in unserer heutigen Aufmerksamkeits\u00f6konomie.  Und egal, welchen Skandal Handke sp\u00e4ter lieferte \u2013 k\u00f6rperliche Gewalt gegen die Lebensgef\u00e4hrtin, Fausthiebe gegen einen Literaturkritiker, zahlreiche abgebrochene Interviews des sich jeweils provoziert f\u00fchlenden Autors, Beschimpfungen aus der Genital- oder Analsph\u00e4re gegen kritische Zeitgenossen vorzugsweise weiblichen Geschlechts, eine fast zweistellige Zahl von B\u00fcchern, in denen er mal mehr, mal weniger subtil sein geschichtsrevisionistisch-v\u00f6lkisches Jugoslawienbild zeichnet und nebenbei Propaganda f\u00fcr serbische Kriegsverbrecher macht, Interviews in denen er einen Genozid leugnet oder relativiert -, er erinnert die \u00d6ffentlichkeit mit diesen Skandalen immer wieder daran, dass es ihn gibt und das verschafft ihm enorme Medienresonanz, die er mit seinen Romanen, Erz\u00e4hlungen und Theaterst\u00fccken allein nie auch nur ann\u00e4hernd erreicht h\u00e4tte. Die Folge sind neue Leser und Literaturpreise wie am Flie\u00dfband, zuletzt auch der Nobelpreis. Alle wissen heute, wer Handke ist \u2013 er ist ein Markenartikel.  <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Im Zeitalter der sogenannten Sozialen Medien ergeben sich nat\u00fcrlich noch mehr M\u00f6glichkeiten als fr\u00fcher. Wenn man sieht, wie ungehemmt narzisstisch sich viele Autoren auf ihren Social Media-Auftritten in Szene setzen, kann das ebenfalls als mehr oder weniger erfolgreiche Strategien der Selbstkommodifizierung sehen. (Ich nenne hier ganz bewusst keine Beispiele; jeder kennt solche Peinlichkeitsorgien.)  Daneben gibt es aber auch die Autoren, die haupts\u00e4chlich damit besch\u00e4ftigt sind, ihre B\u00fccher zu schreiben. Und als Leser interessieren mich selbstredend B\u00fccher mehr als irgendwelche Schriftstellerselfies, inszenierte Skand\u00e4lchen oder Selbstvermarktungsstrategien von medienhungrigen Schreiberlingen.  <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Um nur ein einziges Beispiel zu nennen: ich kann mich nicht erinnern, jemals auch nur ein einziges Interview mit Hartmut Lange gelesen zu haben \u2013 wahrscheinlich gibt es ein paar, aber sie sind mir nicht erinnerlich; ich wei\u00df nicht mal, wie er aussieht. Und auch sonst hab ich ihn noch nie weder in einer Talkshow gesehen &#8211; ok, das ist jetzt ein wenig geschummelt: ich habe n\u00e4mlich seit vielen Jahren keinen Fernseher mehr -, noch ist er mir als Unterzeichner irgendwelcher Appelle, Propagandist irgendwelcher zweifelhafter Thesen oder Sympathisant irgendwelcher dubioser politischer Gruppierungen erinnerlich. Wie steht er zum Klimawandel? Keine Ahnung, wahrscheinlich so wie ich auch. Seine Werke lassen einen hochintelligenten und reflektierenden Menschen vermuten. Das ganze markenartikelhafte Gehabe gibt es bei ihm (und vielen anderen Autorinnen und Autoren) \u00fcberhaupt nicht. Es gibt nur, so zuverl\u00e4ssig wie bei einem Schweizer Uhrwerk, Jahr f\u00fcr Jahr aufs Neue diese relativ schmalen, aber gro\u00dfartigen B\u00fccher von ihm. Erz\u00e4hlungen und Novellen haupts\u00e4chlich. In einer sehr schlanken, eleganten und verdichteten Prosa geschrieben. Egal, zu welchem der rund zwanzig B\u00e4nde in der Diogenes-Backlist man greift, man wird einfach nie entt\u00e4uscht, sondern auf intelligente Art unterhalten und oft auch zum Nachdenken angeregt. Da lasse ich die ganze langweilige, \u00e4rgerliche Markenartikelliteratur gerne links liegen.  <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Anstatt jedem Hype und jedem Skandal hinterherzuhecheln, sollten wir die richtig guten Autorinnen und Autoren lesen.      <\/strong><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\"><strong>\u00a9 Thomas H\u00fcbner and Mytwostotinki, 2014-9. Unauthorized use and\/or duplication of this material without expressed and written permission from this blog\u2019s author and\/or owner is strictly prohibited. Excerpts and links may be used, provided that full and clear credit is given to Thomas H\u00fcbner and Mytwostotinki with appropriate and specific direction to the original content.<\/strong><\/pre>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><div class=\"dmrights_badge\">\r\n\t\t<script type=\"text\/javascript\">\r\n\t\t\tcatalogCode = \"AAA-1100-01\"\t\t\r\n \t\t<\/script> \r\n\t\t<div id=\"DMR-seal\"><\/div>\r\n\t\t<script type=\"text\/javascript\" src=\"http:\/\/ipregistry_wp.dmrights.com\/dmr.js\"><\/script>\r\n\t\t<\/div><br \/>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch in der Literatur hat sich in den letzten Jahrzehnten so etwas wie Commodification ausgebreitet. Bestimmten Autoren ist es gelungen, so etwas wie ein Markenartikel zu werden. Ein charakteristisches Beispiel daf\u00fcr ist Ernest Hemingway, und in einer Besprechung eines seiner Romane habe ich dar\u00fcber auch kurz geschrieben. 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