{"id":7480,"date":"2019-11-15T10:29:16","date_gmt":"2019-11-15T10:29:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mytwostotinki.com\/?p=7480"},"modified":"2019-11-15T10:29:24","modified_gmt":"2019-11-15T10:29:24","slug":"ein-bescheidener-vorschlag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mytwostotinki.com\/?p=7480","title":{"rendered":"Ein bescheidener Vorschlag"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Verschiedene Handke-Adepten (darunter auch einige, die ein Eigeninteresse daran haben, etwa weil sie ihre akademische Laufbahn auf dem Werk dieses Autors aufgebaut haben oder B\u00fccher \u00fcber ihn geschrieben haben) bezeichneten in den letzten Tagen ihre Feinde \u2013 das Wort \u201eGegner\u201c passt hier wegen des extrem militanten und menschenverachtenden Habitus nicht \u2013 mit recht entlarvenden Ausdr\u00fccken. Entlarvend nicht f\u00fcr die so Bezeichneten, sondern f\u00fcr die, die ein solches Vokabular benutzen.  <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Als \u201cwindschiefe Gestalten\u201d und \u201ckarge Lemuren\u201d \u2013 das sind nur zwei Beispiele, man k\u00f6nnte leicht noch viel mehr in diesem Ton finden &#8211; werden in der laufenden Diskussion um Peter Handkes Nobelpreisw\u00fcrdigkeit mittlerweile diejenigen tituliert, die die Frage stellen, ob es wirklich eine gute Idee war, ausgerechnet diesen Schriftsteller mit einem Preis auszuzeichnen, der an einen Autor oder eine Autorin gehen soll, deren Werk in idealistischer Weise herausragend sein soll. <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Eine solche hasserf\u00fcllte Sprache ist entw\u00fcrdigend und zutiefst unmenschlich. Wer, wie Handke oder seine J\u00fcnger so schnell den guten Ton vermissen l\u00e4sst \u2013 Handke schl\u00e4gt bei Kritikern ja wohl auch gelegentlich gerne mal mit der Faust zu oder bezeichnet Kritikerinnen als \u201eWesthuren\u201c -, der sollte nicht arg so empfindlich sein, wenn Menschen Handkes Werk zitieren oder nochmal detailliert Revue passieren lassen, was der Autor gesagt, geschrieben und getan hat.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Niemand von Handkes Kritikern hat gefordert, dass seine B\u00fccher nicht mehr gelesen oder verlegt werden sollen. Niemand von Handkes Kritikern hat gefordert, dass er ausgeb\u00fcrgert werden muss. In der peinlichen Solidarit\u00e4tsadresse, die jetzt ver\u00f6ffentlicht wurde, wird so getan, als habe Handke seine Existenz aufs Spiel gesetzt, als sei er ein Dissident usw. usw. Davon ist nichts, aber auch gar nichts wahr. Er publiziert, wird gelesen (wahrscheinlich erheblich mehr als ohne seine provokativen Jugoslawien-Texte und die ganze Diskussion dar\u00fcber), er bekommt Literaturpreis um Literaturpreis. Er ist gut im Gesch\u00e4ft, k\u00f6nnte man sagen. Er gewinnt neue(?) Freunde (Kubitschek &amp; Co.). <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Diejenigen, die im Gegensatz zu Peter Handke wirklich ihre Existenz aufs Spiel gesetzt haben, sind die, die Handkes Freunde von den H\u00fcgeln rund um Sarajevo \u00fcber viele Monate beschossen haben, diejenigen, die damit rechnen mussten, dass sie t\u00e4glich, beim \u00dcberqueren einer Strasse in der belagerten Stadt, aus der sie nicht herauskonnten, von einem Scharfsch\u00fctzen ermordet werden. Aber laut Peter Handke war das alles berechtigt, da ja \u201enur\u201c Revanche. Oder es hat gar nicht stattgefunden. Oder er hat es nicht so gemeint, falls er es gesagt oder geschrieben haben sollte. Oder er kann sich nicht genau daran erinnern, so was gesagt zu haben. Oder er hat es zwar gesagt, hat es dann aber nicht autorisiert. Oder er hat sich \u201everhaspelt\u201c (ein Schl\u00fcsselwort f\u00fcr das Wirken von Peter Handke). Und eigentlich wollten diese Leute, die da gemordet haben, seine Freunde, nur Indianer spielen. \u00a0\u00a0<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>F\u00fcr diejenigen, die es immer noch nicht verstanden haben: die Kritik an Peter Handke hat er sich verdient. Nicht, weil er \u201eMedienkritik\u201c \u00fcbte, wie das jetzt einige Baudrillard zitierende Zeitgenossen behaupten \u2013 \u201eL\u00fcgenpresse\u201c zu sagen (und nichts anderes tut Handke), ist keine Medienkritik, es ist dumpfe Propaganda -, sondern weil er seit Jahrzehnten das v\u00f6lkisch-geschichtsrevisionistische Narrativ von Leuten, die buchst\u00e4blich Blut an den H\u00e4nden haben, verbreitet, weil er absolut jede glaubhafte Empathie mit den Opfern der von Serben begangenen Verbrechen vermissen l\u00e4sst, weil er T\u00e4ter zu Opfern uml\u00fcgt.<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>In diesem Zusammenhang mache ich einen bescheidenen Vorschlag hinsichtlich des Literaturnobelpreises 2020:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Schwedischen Akademie schlage ich vor, n\u00e4chstes Jahr Paul Goma mit dem Literaturnobelpreis auszuzeichnen, der ebenfalls ein geschlossen v\u00f6lkisch-revisionistisches Weltbild hat. Und wenn Goma den rum\u00e4nischen Holocaust als Rache an den j\u00fcdisch-bolschewistischen Kommissaren entschuldigt oder sogar rechtfertigt, Opferzahlen herunterrechnet und T\u00e4ter-Opfer-Umkehr betreibt, folgt er dem gleichen Muster wie Handke. Am Ende waren die M\u00f6rder die armen Opfer und wenn sie was Schlechtes getan haben, muss man f\u00fcr die Armen doch Verst\u00e4ndnis haben, es war ja allenfalls \u00fcberzogene Notwehr oder Vergeltung, also eigentlich menschlich verst\u00e4ndlich und irgendwie gerechtfertigt. Und dann die schlechte Presse &#8211; wie unfair, \u00fcber diesen Genozid (war es denn einer, werden Gomas Verteidiger fragen) &#8211; so einseitig zu berichten. Dahinter steckt bestimmt eine amerikanische PR-Firma.  Eine solche Auszeichnung an Goma ist wahrhaft \u201eidealistisch\u201c, wenn ich die Schwedische Akademie richtig verstanden habe. Und im \u00fcbrigen: Holocaustrelativierung hin oder her \u2013 man muss doch Autor und Werk immer sch\u00f6n auseinanderhalten\u2026 Wer das dann kritisieren wird, ist &#8220;hasserf\u00fcllt&#8221;, eine &#8220;windschiefe Gestalt&#8221; oder z\u00e4hlt zu den &#8220;kargen Lemuren&#8221; (die ja eigentlich keine Menschen sind.).<\/strong> <strong>Und mit solch minderwertigem Gesindel m\u00fcssen sich wahre Humanisten und Idealisten wie die Freunde von Handke oder Goma in Stockholm und anderswo nicht abgeben.<\/strong> <\/p>\n\n\n\n<p><strong>(Sarkasmus-Taste \u201eAus\u201c)<\/strong><\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-preformatted\"><strong>\u00a9 Thomas H\u00fcbner and Mytwostotinki, 2014-9. Unauthorized use and\/or duplication of this material without expressed and written permission from this blog\u2019s author and\/or owner is strictly prohibited. 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