Category Archives: Texts

Moldauisches Heft (2): Gottsuche

Gottsuche

Die beiden Zeugen Jehovas und ihr Stand mit dem „Wachturm“ neben der Haltestelle, an der ich morgens auf den Bus warte, gehören zum Straßenbild in Chisinau wie die Trolleybusse und das Denkmal von Stefan cel Mare. Bei der Vorbeifahrt an verschiedenen Kirchen bekreuzigt sich jedes Mal ein Teil der Fahrgäste in der orthodoxen Art („rechts vor links“). Auf dem Nachhauseweg passiere ich später im Park die Falun-Gong-Leute, die dort ihr Lager aufgeschlagen haben, weiche unterwegs den beiden adrett gekleideten lächelnden jungen Männern aus Amerika aus, die gerne Passanten zum wahren mormonischen Glauben konvertieren möchten, bleibe kurz am Schaufenster der Buchhandlung stehen, wo mir Osho und der Papst auf Buchdeckeln entgegensehen. Vom Turm der nahegelegenen Kirche schlägt es zur vollen Stunde, als ich zuhause ankomme. Während ich in der Küche Kaffee zubereite, sehe ich vom Fenster aus, dass die Hare-Krishna-Jünger heute fünf Minuten später als üblich singend vorbeiziehen. So viel Suche nach Gott an einem Ort, den dieser offenbar längst verlassen hat. 

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Moldauisches Heft (1): Bücher und Menschen

Bücher und Menschen

K. und ich sitzen dicht neben dem kleinen altertümlichen Ofen, der auf Hochtouren läuft, aber gerade nur so viel Wärme abgibt, dass man es eben noch so aushalten kann im winterlich kalten Studio des Malers und Dichters D. P. in Chisinau. Uns gegenüber sitzt D., der gerade in einen Katalog eines bulgarischen Malers vertieft ist, den er zu dessen Lebzeiten gekannt hat; zwischen uns ein Tisch auf dem sich Malutensilien, diverse Brillen, Medikamentenschachteln, ein Teller mit Früchten und drei noch halbvolle Gläser mit moldauischem Cognac ein Stelldichein geben. D. strahlt. Der Besuch und das Interesse an seinen Gemälden tun ihm gut und er blüht förmlich auf. Besonders gegenüber der jungen Frau zeigt er sich aufmerksam und charmant und ich wundere mich nicht, dass sehr viele seiner im Studio befindlichen Werke Porträts meist junger Frauen und Mädchen sind. Trotz seiner 74 Jahre flirtet er ein wenig mit K., die es mit gutem Humor aufnimmt. Zur aufgekratzten Stimmung trägt auch bei, dass ich ein Bild gekauft habe, ein stimmungsvolles, schön komponiertes Stillleben mit Früchten und einer Karaffe, welches mir sofort auffiel. D. hat große Probleme mit den Augen und der ausgemachte Kaufpreis hilft, die notwendige Operation zu bezahlen.

– ‚Ich komme aus einer Familie, in der es Bücher gab und in der gelesen wurde‘, sagt D. nachdem er den Katalog zur Seite gelegt hat. – ‚Das war ganz und gar nicht alltäglich in unserem Dorf im Budzhak, dem heute zur Ukraine gehörenden Teil Bessarabiens. Die Liebe zur bulgarischen Sprache habe ich von meiner Mutter, das Verständnis für den Reichtum der Muttersprache und dafür, dass Sprache mehr sein kann als nur ein bloßes Verständigungsmittel; das Wissen, dass man wirklich in der Sprache wohnen und zuhause sein kann habe ich von ihr. Die Liebe zu und der Respekt vor Büchern kommt dagegen vom Vater und Großvater. Zu Anfang des letzten Jahrhunderts hat Großvater angefangen, eine private Bibliothek zusammenzutragen. Darin gab es Bücher in verschiedenen Sprachen, Bulgarisch, Russisch, Rumänisch…viele davon müssen teuer gewesen sein; es waren aufwendig gedruckte und gebundene Bände darunter, viele mit Illustrationen. Er liebte besonders Werke zu religiösen Themen. Auch mein Vater kaufte später Bücher für diese private Bibliothek. Als dann die Rumänen kamen, füllte er eine große hölzerne Truhe mit Büchern in russischer Sprache, die er dann irgendwo vergrub. Wer russische Bücher im Haus hatte, galt den Rumänen als gefährlich, als Verräter, und hatte mit schweren Konsequenzen zu rechnen; mancher verlor sein Leben wegen ein paar russischer Erbauungsbücher im Haus. Später kamen dann die Russen zurück, und wieder wurde eine große hölzerne Truhe gefüllt, diesmal mit Büchern in rumänischer Sprache. Nun wurde nämlich jeder mit rumänischen Büchern im Haus als Verräter angesehen und schwer bestraft, in die Verbannung geschickt oder erschossen. Niemand weiß heute mehr, wo die Truhen vergraben sind; vielleicht hat jemand sein Haus dort gebaut, wo sie liegen, nicht ahnend, was für ein Schatz und was für eine Geschichte dort verborgen ist.‘

Über das Buchenland, die Bukowina, und seine Hauptstadt Czernowitz sagte Paul Celan, dass dort einst Bücher und Menschen lebten; doch dasselbe gilt wohl auch für das benachbarte, am gleichen Meridian gelegene Bessarabien.

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fünf gedichte / пет стихотворения

In die Septemberausgabe der bulgarischen Literaturzeitschrift “Нова социална поезия”(Neue Soziale Poesie) wurden fünf meiner Gedichte aufgenommen, in der ausgezeichneten Übersetzung des Dichters und Literaturwissenschaftlers Vladimir Sabourin, der für diese Ausgabe auch Texte von Heiner Müller übersetzt hat. Herzlichen Dank, lieber Vladimir!

В Септемврийския брой на сп. “Нова социална поезия” има пет стихотворения от мен, в превод на Vladimir Sabourin на кого съм много благодарен за публикуването и отличния превод. 

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“либерализм” vs. “либертарианство”

Фактът, че либерализм и либертарианство са две напълно различни политически понятия, все още не се разпространил в България – поне не сред политическите партии, които се наричат “либерални” …

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An important improvement

While the quality of the coffee in most restaurants and coffee shops in Sofia is improving only very slowly according to my impression, there is a considerable improvement to be felt recently in another coffee-related issue. The quality of the късметче, those small rolled paper clips that are supposed to bring good luck and frequently contain a piece of folk wisdom or a supposedly thoughtful quote by a famous person has definitely changed to the better in a short time. Today I got “любов” (love), “здраве” (health), and “време ви е за купон” (it’s time for a party), while a few months ago chances would have been very high that I would have had quotes by authors that regularly made me spill my coffee in anger all over the place, such as Hitler, Ayn Rand, and Paulo Coelho…

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The world, a village

I am having a coffee in Sofia. At the next table, three elderly ladies in animated discussion about the family of my Gorani landlord in Tirana (2004-2007), now living in Sofia.

The world has become a village.

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Snowy landscape with R.W.

Snowy landscape with R.W.
 
The photo, black and white
At first glance apparently nothing special on it
For a Christmas day in the mountains
A snow landscape
Which you probably crossed despite your age
With powerful space-grabbing steps
The railing
To which you probably did not hold on
The firm and secure imprints of your winter boots
Which were the only luxury you have ever had
Well-earned after years of work
While washing the tables in the asylum for the insane 
And while sticking bags
A more useful occupation than writing books
(Your last one found exactly seventeen buyers)
Like the characters from your works
You had the madness already left behind
And you had been healed
As the hat was rolling from your head
And came to lie next to your body
In the snow 
(My translation of a poem originally published in German)
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A cat person

When you come home at 5 a.m. after almost five months absence, and the usually very shy cat of the neighbors is welcoming you at the entrance door and wants to sneak into your flat – then you realize that you are obviously really a cat person…

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beim anblick einer vitrine im historischen museum chisinau

beim anblick einer vitrine im historischen museum chisinau
 
von der mehrheit der menschen die hier lebte
blieb so gut wie nichts
eine handvoll kultgeräte in einer einzelnen vitrine
ratlosigkeit der schulkinder
haben hier wirklich einmal juden gelebt?
ganze arbeit haben sie geleistet
die schreibtischtäter und ihre schergen
den rest besorgen wie immer
die wiedergänger der täter
die geschichtsrevisionisten
die gerne mal alle fünfe gerade sein lassen
die gerne mal ein auge zudrücken
die gerne mal die geschichtsbücher und -museen reinigen
und entsorgen was nur verwirrung stiftet
auf dass alle sich als opfer fühlen dürfen
ausser den ausgelöschten

Chisinau, 06.07.2017

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Beim Kardiologen

Beim Kardiologen

Immer und immer wieder
gibt die freundliche Dame
am Empfang
meine Daten in den Computer ein
doch vergebens.
Ich bin Ausländer
und mein Herz
passt nicht
ins System.

Sofia, 10.02.2017

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