Category Archives: Opinion

Ein bescheidener Vorschlag

Verschiedene Handke-Adepten (darunter auch einige, die ein Eigeninteresse daran haben, etwa weil sie ihre akademische Laufbahn auf dem Werk dieses Autors aufgebaut haben oder Bücher über ihn geschrieben haben) bezeichneten in den letzten Tagen ihre Feinde – das Wort „Gegner“ passt hier wegen des extrem militanten und menschenverachtenden Habitus nicht – mit recht entlarvenden Ausdrücken. Entlarvend nicht für die so Bezeichneten, sondern für die, die ein solches Vokabular benutzen.

Als “windschiefe Gestalten” und “karge Lemuren” – das sind nur zwei Beispiele, man könnte leicht noch viel mehr in diesem Ton finden – werden in der laufenden Diskussion um Peter Handkes Nobelpreiswürdigkeit mittlerweile diejenigen tituliert, die die Frage stellen, ob es wirklich eine gute Idee war, ausgerechnet diesen Schriftsteller mit einem Preis auszuzeichnen, der an einen Autor oder eine Autorin gehen soll, deren Werk in idealistischer Weise herausragend sein soll.

Eine solche hasserfüllte Sprache ist entwürdigend und zutiefst unmenschlich. Wer, wie Handke oder seine Jünger so schnell den guten Ton vermissen lässt – Handke schlägt bei Kritikern ja wohl auch gelegentlich gerne mal mit der Faust zu oder bezeichnet Kritikerinnen als „Westhuren“ -, der sollte nicht arg so empfindlich sein, wenn Menschen Handkes Werk zitieren oder nochmal detailliert Revue passieren lassen, was der Autor gesagt, geschrieben und getan hat.

Niemand von Handkes Kritikern hat gefordert, dass seine Bücher nicht mehr gelesen oder verlegt werden sollen. Niemand von Handkes Kritikern hat gefordert, dass er ausgebürgert werden muss. In der peinlichen Solidaritätsadresse, die jetzt veröffentlicht wurde, wird so getan, als habe Handke seine Existenz aufs Spiel gesetzt, als sei er ein Dissident usw. usw. Davon ist nichts, aber auch gar nichts wahr. Er publiziert, wird gelesen (wahrscheinlich erheblich mehr als ohne seine provokativen Jugoslawien-Texte und die ganze Diskussion darüber), er bekommt Literaturpreis um Literaturpreis. Er ist gut im Geschäft, könnte man sagen. Er gewinnt neue(?) Freunde (Kubitschek & Co.).

Diejenigen, die im Gegensatz zu Peter Handke wirklich ihre Existenz aufs Spiel gesetzt haben, sind die, die Handkes Freunde von den Hügeln rund um Sarajevo über viele Monate beschossen haben, diejenigen, die damit rechnen mussten, dass sie täglich, beim Überqueren einer Strasse in der belagerten Stadt, aus der sie nicht herauskonnten, von einem Scharfschützen ermordet werden. Aber laut Peter Handke war das alles berechtigt, da ja „nur“ Revanche. Oder es hat gar nicht stattgefunden. Oder er hat es nicht so gemeint, falls er es gesagt oder geschrieben haben sollte. Oder er kann sich nicht genau daran erinnern, so was gesagt zu haben. Oder er hat es zwar gesagt, hat es dann aber nicht autorisiert. Oder er hat sich „verhaspelt“ (ein Schlüsselwort für das Wirken von Peter Handke). Und eigentlich wollten diese Leute, die da gemordet haben, seine Freunde, nur Indianer spielen.   

Für diejenigen, die es immer noch nicht verstanden haben: die Kritik an Peter Handke hat er sich verdient. Nicht, weil er „Medienkritik“ übte, wie das jetzt einige Baudrillard zitierende Zeitgenossen behaupten – „Lügenpresse“ zu sagen (und nichts anderes tut Handke), ist keine Medienkritik, es ist dumpfe Propaganda -, sondern weil er seit Jahrzehnten das völkisch-geschichtsrevisionistische Narrativ von Leuten, die buchstäblich Blut an den Händen haben, verbreitet, weil er absolut jede glaubhafte Empathie mit den Opfern der von Serben begangenen Verbrechen vermissen lässt, weil er Täter zu Opfern umlügt.

In diesem Zusammenhang mache ich einen bescheidenen Vorschlag hinsichtlich des Literaturnobelpreises 2020:

Der Schwedischen Akademie schlage ich vor, nächstes Jahr Paul Goma mit dem Literaturnobelpreis auszuzeichnen, der ebenfalls ein geschlossen völkisch-revisionistisches Weltbild hat. Und wenn Goma den rumänischen Holocaust als Rache an den jüdisch-bolschewistischen Kommissaren entschuldigt oder sogar rechtfertigt, Opferzahlen herunterrechnet und Täter-Opfer-Umkehr betreibt, folgt er dem gleichen Muster wie Handke. Am Ende waren die Mörder die armen Opfer und wenn sie was Schlechtes getan haben, muss man für die Armen doch Verständnis haben, es war ja allenfalls überzogene Notwehr oder Vergeltung, also eigentlich menschlich verständlich und irgendwie gerechtfertigt. Und dann die schlechte Presse – wie unfair, über diesen Genozid (war es denn einer, werden Gomas Verteidiger fragen) – so einseitig zu berichten. Dahinter steckt bestimmt eine amerikanische PR-Firma. Eine solche Auszeichnung an Goma ist wahrhaft „idealistisch“, wenn ich die Schwedische Akademie richtig verstanden habe. Und im übrigen: Holocaustrelativierung hin oder her – man muss doch Autor und Werk immer schön auseinanderhalten… Wer das dann kritisieren wird, ist “hasserfüllt”, eine “windschiefe Gestalt” oder zählt zu den “kargen Lemuren” (die ja eigentlich keine Menschen sind.). Und mit solch minderwertigem Gesindel müssen sich wahre Humanisten und Idealisten wie die Freunde von Handke oder Goma in Stockholm und anderswo nicht abgeben.

(Sarkasmus-Taste „Aus“)

© Thomas Hübner and Mytwostotinki, 2014-9. Unauthorized use and/or duplication of this material without expressed and written permission from this blog’s author and/or owner is strictly prohibited. Excerpts and links may be used, provided that full and clear credit is given to Thomas Hübner and Mytwostotinki with appropriate and specific direction to the original content.

Death of a Poet

Everyone has their own way of dealing with the death of a friend or relative. I am very quiet on such occasions, turned inwards, and want to be left alone with my mourning. And certainly, the idea to exhibit my friendship and emotional closeness with a recently deceased by posting about it in social media is something alien to me, something I cannot understand at all.

Now that the news has become known that a very talented Bulgarian poet, Nikolai Atanasov, has died at the age of 41 years only, dozens of my FB friends expressed their grief and shared poems. But many also wrote very detailed personal reminiscences, anecdotes, descriptions of experiences, the respective person has had with the deceased, analyzing his life, his poetry, his health, his sexual orientation, his character, and what not.

What struck me and made me infinitely sad: out of everything what the friends of the deceased wrote, one thing became clear: here someone had died, who for a very long time was very sick, poor and socially completely isolated, someone who had practically no emotional support, according to many of his friends, someone who over the years showed clearly signs of poor and deteriorating physical and mental health. I would have wished that among those who claimed to have been friends with the deceased only one would have proved to be a true friend, and would have done something to save the poet from the abyss in which he now obviously perished. Maybe he would be still alive.

But that’s the way it is: once an artist or poet has died in misery, those who have let him/her down and who didn’t extend a helping hand when it was desperately needed, celebrate themselves and their “great friendship” with the dead post mortem. I wonder if at least one of these friends feels ashamed?!

© Thomas Hübner and Mytwostotinki, 2014-9. Unauthorized use and/or duplication of this material without expressed and written permission from this blog’s author and/or owner is strictly prohibited. Excerpts and links may be used, provided that full and clear credit is given to Thomas Hübner and Mytwostotinki with appropriate and specific direction to the original content.

18% Brown: the downfall of a Bulgarian intellectual (II)

Some time ago I reported on this blog how the Bulgarian author Zachary Karabashliev campaigned for a veteran of the Bulgarian fascist and anti-Semitic “Legions” (in a FB post that he later edited by deleting the reference to the “Legions”) whom he called “a hero”. The same admiration was expressed by Karabashliev in a TV interview. The man in question, Dyanko Markov, has in the past repeatedly made public statements in which he described the deportation of the Jews in the areas annexed by Bulgaria in WWII to Treblinka as “relatively human”, and he even justified this deportation and murder of a “hostile population” in a speech in the Bulgarian Parliament a few years ago. Until today he identifies himself with the “values” of the Legions, an organization, which was created after the image of the German SA.

In my blog post I mentioned that Karabashliev and his fellow supporters, some of whom have been running a campaign for years to rehabilitate the anti-Semite Dyanko Markov and the fascist and anti-Semitic Bulgarian Legions, use a concrete incident described in the article to reiterate their historical revisionist theses on the heroism of the Legions, whose founder and leader Hristo Lukov is a figure venerated by Nazis throughout Europe today.

It is a tactic already applied in the past by a specific supporter of Dyanko Markov, to try to intimidate people who mention some for Markov and his fans uncomfortable facts with abusive words, as well as with the threat of legal action on the grounds of slander. So it was no surprise that Mr. Karabashliev, under the influence of the said person, sent me a formally polite and content-wise outrageous message, giving me an ultimatum of 48 hours to delete my allegedly “defamatory” contribution.

Although I can subjectively understand that – as he writes himself – my previous blog post is very unpleasant for him, I have to tell to Mr. Karabashliev however that he has to look who’s talking here. If he had not made the attempt to portray a man as a hero who – according to the final verdict of no less than three court cases on the exact same matter (Markov et al. vs. Yuliana Metodieva) – can be called an anti-Semite and a fascist – and who until today sticks to the ideals of his youth and propagates the anti-Semitic and fascist “values” of the Legions, while at the same time voicing holocaust apologies and denying the responsibility of the organization of which he was a member in the holocaust, my article would never have been written. And for a word that Mr. Karabashliev has distanced himself in the meantime from the Legions and the anti-Semite and fascist Dyanko Markov I have waited until now in vain.

What Mr. Karabashliev apparently has not understood until today: if a Dyanko Markov had been a member of the Legions and would have distanced himself credibly at some point in his life from the anti-Semitism and fascism of this immoral and inhuman organization, my article would also not have been written. But Markov is still a propagandist for the Legions and their anti-Semitism and fascism, he has participated several times in the notorious Nazi march in honor of Lukov, but Mr. Karabashliev finds him heroic and then begins moaning and whining when someone tells him that he is campaigning here de facto for the rehabilitation of an anti-Semitic and fascist organization, and also for the rehabilitation of a member who has not become in any ways distant to these “values” during his whole life.

Mr. Karabashliev has either committed a stupidity of gigantic proportions or he is sharing Markov’s political convictions and now, after several people have publicly criticized him for this, he seems to believe that the allegation of a lawsuit will cause me to tacitly delete my post. However, Mr. Karabashliev makes a mistake of judgment here. I am not intimidated by his threat.

I hope in his own interest that Mr. Karabashliev is informed by his lawyer that not everything that is personally unpleasant to him is slander. And that I have said something untrue about Mr. Karabashliev, he probably will not want to assert. That would be – because if he claims so, it is obviously not true – indeed slander by Mr. Karabashliev and therefore potentially a criminal offense. He may not realize his very delicate legal position in this case, but of course he, just like any other citizen, can choose the legal recourse to clarify which of the two of us has violated the law by claiming something false with the intention to tarnish the reputation of the other. The result could be quite surprising and even more unpleasant for Mr. Karabashliev than my blog post. In any case, I will continue to report on the activities of certain revisionist circles in Bulgaria, and in the future possibly in front of a larger international public.

Whether Mr. Karabashliev wants to be associated with anti-Semitic, fascist and historical revisionist circles in Bulgaria also in the future, or whether he realizes that he has got himself into something on this matter, which will permanently harm his reputation as a writer and person, I do not know, of course. The damage to his reputation, however, will be far greater and more lasting if he goes to court. The choice is up to him.

PS: Here is a report of the Bulgarian Jewish organization Shalom on anti-Semitism in Bulgaria. On page 8, Dyanko Markov and the Bulgarian Legions are also mentioned.

And here is a report on the three dismissed lawsuits, with which the journalist Yuliana Metodieva should be muzzled unsuccessfully in the dispute over Markov in the past.

© Thomas Hübner and Mytwostotinki, 2014-9. Unauthorized use and/or duplication of this material without expressed and written permission from this blog’s author and/or owner is strictly prohibited. Excerpts and links may be used, provided that full and clear credit is given to Thomas Hübner and Mytwostotinki with appropriate and specific direction to the original content.

18% Braun: Vom Fall eines bulgarischen Intellektuellen (II)

Vor einiger Zeit berichtete ich auf diesem Blog, wie der bulgarische Schriftsteller Zachary Karabashliev sich für einen Veteranen der bulgarischen faschistischen und antisemitischen „Legionen“ einsetzte und diesen (in einem später von ihm redigierten FB-Post, in dem er den Teil, der sich auf die Legionärstätigkeit dieses Mannes bezieht, löschte) als Helden bezeichnete. Ähnlich äusserte er sich in einem Fernsehinterview. Der Mann um den es geht, Dyanko Markov, wurde in der Vergangenheit mehrfach durch Äusserungen, in der er die Deportation der Juden in den von Bulgarien annektierten Gebieten nach Treblinka als „relativ menschlich“ bezeichnete, und der diese Deportation einer „feindlichen Bevölkerung“ öffentlich in einer Rede im bulgarischen Parlament vor einigen Jahren rechtfertigte, bekannt. Er steht bis heute zu den Werten der Legionäre, der bulgarischen Organisation, die nach dem Abbild der deutschen SA gegründet wurde.

In meinem Beitrag stellte ich fest, dass Karabashliev und seine teilweise schon einschlägig hervorgetretenen Mitstreiter, von denen einige seit Jahren eine Kampagne zur Rehabilitation des Antisemiten und Faschisten Dyanko Markov und der faschistischen und antisemitischen Organisation der Legionäre betreiben, einen konkreten Vorfall, der in dem Artikel geschildert wird, dazu benutzen, erneut ihre geschichtsrevisionistischen Thesen von der Heldenhaftigkeit der Legionäre, deren Gründer und Führer Lukov eine von Nazis in ganz Europa heute verehrte Figur ist, zu propagieren.

Es ist eine schon mehrfach erprobte Taktik einer Mitstreiterin von Dyanko Markov, Personen, die einige für Markov und seine Unterstützer unbequeme Tatsachen erwähnen, mit wüstesten persönlichen Angriffen und Schimpfworten und ausserdem mit einer Klageandrohung wegen Verleumdung bzw. übler Nachrede zu bedrohen. So war es auch keine Überraschung, dass mir Herr Karabashliev, wohl unter dem Einfluss der besagten Person, eine in höflichem Ton gehaltene aber inhaltlich unverschämte Nachricht zukommen liess, die mir ein Ultimatum von 48 Stunden gibt, meinen angeblich „verleumderischen“ Beitrag zu löschen.

Nun kann ich zwar subjektiv nachvollziehen, dass – wie er selbst schreibt – mein Artikel ihm sehr unangenehm ist. Allerdings muss sich Herr Karabashliev hier an die eigene Nase fassen. Hätte er nicht den Versuch gemacht, einen Mann als Helden darzustellen, der – und das ist gerichtlich letztinstanzlich bereits festgestellt (Rechtssache Markov et al. vs. Yuliana Methodieva) bis heute zu den Idealen der antisemitischen Legionäre steht und ihre Werte propagiert, bei gleichzeitiger Holocaustrelativierung und -apologie, ein Mann, den man von Rechts wegen ungestraft einen Antisemiten und Faschisten nennen darf, wäre mein Artikel nie geschrieben worden. Und eine Stellungnahme, in der Herr Karabashliev in der Zwischenzeit geäussert hätte, dass er sich eindeutig von den Legionären und dem Antisemiten und Faschisten Dyanko Markov distanziert – diese Stellungnahme habe ich bisher vergeblich erwartet.

Was Herr Karabashliev offenbar bis heute nicht verstanden hat: wäre ein Dyanko Markov Legionär gewesen und hätte sich irgendwann in seinem Leben glaubhaft vom Antisemitismus und Faschismus dieser amoralischen Organisation distanziert, wäre mein Artikel ebenfalls nicht geschrieben worden. Aber Markov steht bis heute zu den Legionären und ihrem Antisemitismus und Faschismus, hat auch mehrfach am berüchtigten Naziaufmarsch zu Ehren Lukovs teilgenommen, aber Karabashliev findet ihn heldenhaft und fängt dann an zu zetern und zu jammern, wenn jemand ihm sagt, dass er hier eine jahrelange Kampagne zur Rehabilitierung dieser antisemitischen und faschistischen Organisation unterstützt, eine Rehabilitierung eines Mitglieds auch, der überhaupt nicht geläutert ist und der sich nie glaubhaft von dieser Organisation und ihren verbrecherischen Zielen distanziert hat.

Herr Karabashliev hat entweder eine Dummheit von gigantischem Ausmass oder aber eine Überzeugungstat begangen und glaubt nun, nachdem ihn mehrere Personen dafür öffentlich kritisiert haben anscheinend, dass die Klageandrohung mich dazu veranlassen wird, meinen Post stillschweigend zu löschen. Allerdings begeht Herr Karabashliev hier eine Fehleinschätzung. Einschüchtern lasse ich mich nämlich nicht.

Ich hoffe in seinem eigenen Interesse, Herr Karabashliev wird von seinem Anwalt darüber aufgeklärt, dass nicht alles, was ihm persönlich unangenehm ist, Verleumdung darstellt. Und dass ich etwas Unwahres über Herrn Karabashliev behauptet habe, wird er wohl nicht behaupten wollen. Das wäre dann nämlich – da wahrheitswidrig – in der Tat Verleumdung durch Herrn Karabashliev und ergo strafrechtlich relevant. Falls er das nicht einsieht, steht ihm natürlich wie jedem Bürger der Rechtsweg offen, um zu klären, wer von uns beiden hier das Recht verletzt hat, indem er Unwahres behauptet. Das Ergebnis könnte für Herrn Karabashliev durchaus überraschend und noch viel unangenehmer sein als mein Artikel. In jedem Fall werde ich auch weiterhin und in Zukunft wohl auch vor einer grösseren internationalen Öffentlichkeit über die geschichtsrevisionistischen Aktivitäten gewisser Personen in Bulgarien berichten.

Ob Herr Karabashliev Wert darauf legt, auch weiterhin mit antisemitischen, faschistischen und geschichtsrevisionistischen Kreisen in Bulgarien in Verbindung gebracht zu werden, oder ob er einsieht, dass er sich bei dieser Angelegenheit in etwas verrannt hat, was seinem Ansehen als Schriftsteller und Person nachhaltig schadet, weiss ich natürlich nicht. Der Schaden für sein Ansehen wird allerdings ungleich grösser und dauerhafter sein, wenn er den Gerichtsweg beschreitet. Es liegt ganz bei ihm.

PS: Hier ein Bericht der bulgarischen jüdischen Organisation Shalom zum Antisemitismus in Bulgarien. Auf S. 8 finden auch Dyanko Markov und die Bulgarischen Legionen Erwähnung.

Und hier ein Bericht über die drei abgewiesenen Klagen, mit denen die Journalistin Yuliana Metodieva in der Auseinandersetzung um Markov erfolglos mundtot gemacht werden sollte.

© Thomas Hübner and Mytwostotinki, 2014-9. Unauthorized use and/or duplication of this material without expressed and written permission from this blog’s author and/or owner is strictly prohibited. Excerpts and links may be used, provided that full and clear credit is given to Thomas Hübner and Mytwostotinki with appropriate and specific direction to the original content.

A necessary decision

Since March 2009 I have a profile on Facebook; and I’m also present on a few other social media portals, although I am not particularly (Twitter, LinkedIn) or not at all active (Instagram) there. Today I have decided to stop publishing texts on Facebook and also not to comment anymore on postings of others in the future.

For a very communicative person like me, who travels a lot due to his work and who has lived in different parts of the world, Facebook as an idea is not a bad thing. Such a platform basically offers the opportunity to share certain information with his friends and acquaintances in an easy way and to catch up with what’s going on in the circle of your friends and acquaintances. And in principle, it would also have the potential to bring people together who do not know each other in real life, but who share common interests and values. And in a few cases, that’s exactly what happened: through Facebook, I made the acquaintance of some people who have become important to me today. But this is – if I look back over the period of more than 10 years Facebook presence -, the exception rather than the rule. Unfortunately, apart from these rare personally enriching experiences, Facebook has become a place where I am confronted with more and more misery, anger, hatred, rage, and ugliness.

The business practices of Facebook are by now probably well known; I do not want to revisit them here. If you want to read something intelligent and really brilliant and witty about this topic, I highly recommend you Jaron Lanier’s book Ten Arguments for Deleting Your Social Media Accounts Right Now. Lanier is one of the few thinkers who deals with the consequences of the developments of modern media and information technologies, and his sharp rejection of the “for free” culture, which is spreading more and more, I share wholeheartedly. I do not want to review the book here, but whoever has a social media account should read this insightful and instructive book. After that, probably only a very few people will actually delete their social media accounts – Lanier himself does not have any illusions about that – but almost everyone who will read the book will be much more aware of what and where he posts something, and it will probably be much clearer to most people, how Facebook et al. are trying to manipulate every user in the interest of their paying clientele. Lanier’s ideas about how social media that work in the interest of their users, and not their paying customers, should look like are also worth to be discussed. Food for thought!

In addition to the serious objections regarding the business practices and privacy violations of Facebook and the structural defects of the platform itself, something else comes into play, which is also addressed by Lanier, something that every Facebook user has probably already experienced many times. It concerns the often very unpleasant and aggressive communication behavior of many FB users.

Everyone who’s on FB knows them: the narcissists who post almost exclusively selfies; the trolls who, with every contribution – whether it suits the topic or not – address their favorite pet theory and who would like to hijack every discussion even when it is not even remotely linked to the topic of the original posting; the racists, anti-Semites, xenophobes, homophobes, misogynists, conspiracy theorists, climate change deniers, Greta-bashers, sectarians, supporters of right-wing extremist parties, which I mercilessly delete from my circle of Facebook contacts, but who are apparently procreating like rabbits lately, so that you can hardly keep this plague in check. And what I also noticed time and time again: the way people address each other on Facebook, even and especially among people from whom one does not expect it per se (intellectuals), is frequently very uncultured, rude, insolent, insulting.

Over the last few months and years, I’ve been receiving threats to my physical integrity, including death threats, following some of my Facebook posts and comments. After my recent report about the revisionist activities of a Bulgarian writer, I received the most incredible insults – ad hominem attacks are by far the most common “argument” of many FB participants – and was the victim of a virtual pogrom of an apparently mentally disturbed woman, who despite being known as a pathological liar has apparently the ear of many of my Facebook friends. (It goes without saying that I only in very rare cases received any support even from close personal friends, when I was subject to such extreme cases of abuse and threats – so much for friendship!) And these are not just a few unique cases. If you only voice a single critical remark on a specific topic, you are immediately subject to abuse and unfair attacks even by people with a high formal education (including in some cases, writers and professors); even the friendly hint to a friend who asks where he can find a certain recording that is out of circulation is sufficient reason for a third party to jump in with snide remarks from the sideline.

I’m tired of all that. What I have to say to my friends, I will tell them in person in the future or through other, more private communication channels. And things that I would like to make public, I will post here on my blog. I will not delete my Facebook profile and maybe even occasionally share one or the other link or a few photos. But there will be no texts and comments from me on Facebook anymore in the future. No reason to be sad – in the contrary: I will have more time again to take care of more important things.

Jaron Lanier has no Social Media Accounts – but a cat! He is probably a happy person 

Jaron Lanier: Ten Arguments For Deleting Your Social Media Accounts Right Now, Picador 2019

© Thomas Hübner and Mytwostotinki, 2014-9. Unauthorized use and/or duplication of this material without expressed and written permission from this blog’s author and/or owner is strictly prohibited. Excerpts and links may be used, provided that full and clear credit is given to Thomas Hübner and Mytwostotinki with appropriate and specific direction to the original content.

18% Brown: the downfall of a Bulgarian intellectual

The countries of Eastern Europe continue to struggle with the classification of their history and the people and currents that shaped it. This is especially true for the legacy of the time immediately before the Communist seizure of power. In many Eastern European countries, since the 1920s, there were fascist or openly National Socialist groups that enjoyed widespread popular support; they generally combined radical anti-communism with a totalitarian idea of society and eliminationist anti-Semitism modeled after German National Socialism.

From these groupings, the Nazis gained before and at the outbreak of WWII many fanatical supporters for their policy of violence and extermination, a policy that aimed at the complete eradication of whole races, especially the Jews and Roma. The prejudices and social exclusion that had prevailed for centuries, as well as the existing willingness to use violence against these population groups in Eastern Europe, were taken up by the Nazis and made serviceable for their barbaric extermination project. The anti-Semitic and fascist organizations of the “elites” in these countries disappeared apparently later with the Communist seizure of power, but the persons and attitudes of course remained largely unchanged.

While many leading members of fascist groups settled in the West in time, and others being executed or sentenced to lengthy prison terms in trials that were usually not according to the standards of constitutional democracies, there were also many who remained undisturbed. Among other things, the collapse of the communist bloc in Eastern Europe led to the formation of political groups that deliberately leaned towards pre-war organizations and that see themselves as following the values of such organizations. As a rule, the anti-communism of these pre-WWII groups is emphasized, but the totalitarian-fascist and anti-Semitic tradition is often concealed or relativized.

Hard-boiled anti-Semites and racists who have survived the communist regime and who are still proud of their (mis)deeds against Jews, and who in some cases spent decades behind bars in a communist prison, were suddenly revered by many despite (or perhaps because of?) their open advocacy of the ideology of their youth as anti-communist martyrs and heroes and role models for 21st century youth. And frequently, there are willing intellectuals who wholeheartedly support this revisionist narrative.

I want to report on such a case here. The focus is on the Bulgarian writer Zachary Karabashliev, whose novel 18% Gray is also available in English translation.

What is it all about? On his Facebook profile Karabashliev describes a visit to a 97-year-old retiree, and he provides photos and explanatory text. This encounter has, in his own words, strongly impressed him. The old man, apparently still astonishingly vigorous for his age, was harassed several times by intruders in his home and probably also physically abused. Karabashliev demanded in a letter from the competent ministry a better protection and an increased pension for the war veteran, who also spent many years in a prison of Communist Bulgaria as a regime opponent.

So far so good. There is no one who does not regret the poor living conditions of pensioners in Bulgaria, and also the frequent lack of recognition that many innocent victims of the communist system (in)justice have received in today’s Bulgarian society. So quite a noble action, which honors also the initiator, one could believe at first glance. Another picture, however, comes to light when you are digging a bit deeper.

The old man, whom Karabashliev praises, and whom he has repeatedly dubbed in public statements – even on television – as a hero, is called Dyanko Markov. Markov was imprisoned in communist Bulgaria for political reasons and was rehabilitated in the years after 1989. He was then a member of parliament for a right-wing party and became the most prominent living symbol of the political Right in Bulgaria because of his strong anti-communist stance. Markov wrote his memoirs, he often appeared as a speaker at public events (for example at the European Parliament) and was repeatedly interviewed. He is not just any pensioner, but in Bulgaria a well-known figure of public life. We are dealing with someone whom many – Karabashliev, for example – consider to be an exemplary hero and as such he was and is always present in the Bulgarian public.

In the first version of his Facebook post, Karabashliev also mentioned in detail and admiringly a part of the biography of Markov, which he interestingly later edited and completely deleted. This section referred to Markov’s membership in the so-called “Legions” and his alleged heroic deeds during World War II.

The Union of Bulgarian National Legions was an anti-Semitic and openly fascist paramilitary organization led by Hristo Lukov from 1933 on (he used the title “National Leader”). The youth organization of the Legions used the swastika as part of their emblem, the uniforms of the Legions and also the program were directly based on the blueprint of the German SA and also otherwise this movement was regarded as an arm of Hitler in Bulgaria and was strongly supported accordingly by Nazi Germany.

Eliminationist anti-Semitism was particularly actively promoted in Bulgaria by radical groups such as the Legions. Lukov, who eventually rose to become a general, Minister of War, and the “gray eminence” in the background, used the Legions as a base to gain more and more political influence and power; the Gestapo seriously debated whether they should support a coup d’etat by Lukov against Tsar Boris III who was for opportunistic reasons – the defeat of the Nazis was already forseeable – reluctant to carry out the Final Solution in Bulgaria; a replacement by a dictator Lukov, would according to the reasoning of the Gestapo, “deliver” the Jews for extermination without any problems. Before these ideas could be carried out, Lukov was assassinated by Violeta Yakova, a 19-year-old Jewish partisan (she was later brutally raped and tortured to death by Bulgarian security forces); the strong resistance of many Bulgarian citizens, some politicians (such as Dimitar Peshev) and the Orthodox Church in Bulgaria meant in the end that Bulgaria did not extradite their own Jewish citizens to the Nazis.

The Jews in the Bulgarian-occupied and annexed areas of Thrace, Macedonia and the Pirot region of Serbia were less fortunate: they were the only inhabitants of these areas who were formally declared as non-Bulgarians, and with this “trick” the Bulgarian authorities had laid the basis for deporting them. The deportation in these areas was organized and carried out by Bulgarians, members of the Union of Bulgarian National Legions were particularly eager, since the murder of the Jews corresponded to their own program. More than 11,000 Jews were deported to Treblinka and murdered on arrival.  

The founder and “leader” of this organization, which carried out much of the dirty work in the murder of Jews, Hristo Lukov, is the idol of many neo-Nazis in Europe to this day, he is “honored” with a torchlight parade every year in the center of Sofia by groups of neo-Nazis from all over Europe. Lukov is also the idol of Dyanko Markov, and he still propagates the ideas and “values” of the Legions to this very day. His memoirs sing a song of heroism of this organization. The Holocaust in the territories occupied and annexed by Bulgaria was commented by Markov in a speech in the Bulgarian parliament in 2000, in which he stated that the deportation of a “hostile population” was not a war crime. In 2018 he added that the deportation of the Jews to Treblinka was “relatively humane”. Almost at the same time Markov received from the Bulgarian state a high Order of Merit. One wonders, however, for what exactly…

At this point lies the real scandal, in the center of which Karabashliev has now maneuvered himself, probably out of the deepest conviction from the bottom of his heart.

If he and his notorious co-propagandists had wanted to draw attention to the fate of the veterans, the former inmates and victims of the communist regime of injustice or, in general, the shameful situation in which many elderly people in Bulgaria have to vegetate, one could easily choose almost any older person in Bulgaria as an example. The fact that a Dyanko Markov of all people is chosen to make this point, a person whose appearance in the European Parliament triggered a major scandal just a few years ago, after his continued advocacy of an inhumane organization and ideology and his Holocaust relativization became known, is, of course, a hint to the fact that the small group’s political program that keeps repeating Dyankov’s instrumentalization aims mainly at a complete rehabilitation of criminal fascist organizations from pre-war Bulgaria, a rehabilitation on which the group obviously plans to capitalize politically.

Anyone who points out that an inhumane ideology is being propagated here, the ideology of a group whose main historical aim was the mass murder of certain population groups and a cruel war of aggression in the East, anyone who questions why such people should be made into heroes must be prepared for a few things, from – in the end unsuccessful – slander trials to vicious, hate-filled personal attacks from the camp of Karabashliev’s co-propagandists. Unfortunately, such tendencies are probably in the spirit of the times, because in Bulgaria, which is governed by a coalition of right-wing and right-wing extremist parties, intellectual currents that relativize or deny the Holocaust and who claim that it is “the Jews” who need to be blamed for all atrocities of communism (which, as a matter of course makes their mass murder an excusable response); even the age-old anti-Semitic topos of the Jews as Christ-killers celebrates resurrection, e.g. in the columns of the once respected portal “Kultura”. The fact that Bulgarian writers such as Karabashliev and a few other second- and third-rate figures are initiating or supporting such shameful acts is a declaration of moral bankruptcy.

The case Karabashliev weighs particularly hard because of its influential position in the Bulgarian publishing industry. Significantly, with the exception of Angel Igov, who has contradicted the account of Karabashliev and his allies with reference to the facts, and Lea Cohen, who as a Jew is a traditional target of the Bulgarian anti-Semites, no other author has to my knowledge yet intervened in this scandal. Too big is obviously the fear to lose access to publication outlets in the small Bulgarian book market, or to estrange readers, of which a considerable part probably sympathizes with Markov‘s and Karabashliev’s historical revisionism. One may call this cowardice or complete dullness towards moral values; in any case it is a tragedy and a worrying symptom of the state of Bulgarian society these days.

© Thomas Hübner and Mytwostotinki, 2014-9. Unauthorized use and/or duplication of this material without expressed and written permission from this blog’s author and/or owner is strictly prohibited. Excerpts and links may be used, provided that full and clear credit is given to Thomas Hübner and Mytwostotinki with appropriate and specific direction to the original content.

18% Braun: Vom Fall eines bulgarischen Intellektuellen

Die Länder Osteuropas tun sich nach wie vor schwer mit der Einordnung ihrer Geschichte und der Personen und Strömungen, die sie gestaltet haben. Das gilt vor allem für das Erbe aus der Zeit unmittelbar vor der kommunistischen Machtergreifung. In vielen osteuropäischen Ländern gab es seit den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts faschistische oder offen nationalsozialistische Gruppierungen, die sich grosser Unterstützung in Teilen der Bevölkerung erfreuten, und die in der Regel einen radikalen Antikommunismus mit einem totalitären Gesellschaftsmodell und eliminatorischem Antisemitismus nach nationalsozialistischem Vorbild verknüpften.

Aus diesen Gruppierungen erwuchsen den Nazis vor und bei Kriegsausbruch fanatische Unterstützer für ihre Gewaltpolitik, in deren Zug sie ganze Rassen ausrotten wollten, allen voran die Juden und Roma. Die seit Jahrhunderten verbreiteten Vorurteile und gesellschaftlichen Ausgrenzungen, sowie die vorhandene Gewaltbereitschaft gegenüber diesen Bevölkerungsgruppen in Osteuropa wurde von den Nazis gerne aufgegriffen und für ihr barbarisches Ausmerzungsprojekt dienstbar gemacht. Die antisemitischen und faschistischen Organisationen der „Eliten“ in diesen Ländern verschwanden zwar scheinbar später mit der kommunistischen Machtergreifung, die Personen und Geisteshaltungen aber blieben selbstverständlich weitgehend unverändert.

Während sich viele führende Vertreter faschistischer Gruppierungen rechtzeitig in den Westen absetzten und mancher auch im Rahmen von Prozessen, die meist wenig rechtsstaatlich waren, hingerichtet oder zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt wurde, blieben viele auch unbehelligt. Der Zusammenbruch des kommunistischen Blocks in Osteuropa führte unter anderem auch dazu, dass sich politische Gruppierungen bildeten, die sich bewusst an Vorkriegsorganisationen anlehnten oder in deren Tradition sehen. Dabei wurde in der Regel der Antikommunismus dieser Gruppierungen in den Vordergrund gestellt, die totalitär-faschistische und antisemitische Tradition aber gerne verschwiegen oder relativiert.

Hartgesottene Antisemiten und Rassisten, die das kommunistische Regime überlebt haben und bis heute stolz auf ihre (Un-)Taten gegenüber Juden sind und die in einigen Fällen Jahrzehnte hinter Gittern in einem kommunistischen Gefängnis verbracht hatten, wurden von vielen plötzlich ungeachtet (oder vielleicht gerade wegen?) ihres offenen und ungeläuterten Eintretens für die Ideologie ihrer Jugendjahre als antikommunistische Märtyrer und Helden und Vorbilder für die Jugend des 21. Jahrhunderts dargestellt. Und immer wieder finden sich willige Intellektuelle, die dieses revisionistische Narrativ aus ganzem Herzen unterstützen.

Von einem solchen Fall will ich hier berichten. Im Zentrum steht dabei der bulgarische Schriftsteller Zachary Karabashliev, dessen Roman 18% Grau auch in englischer Übersetzung vorliegt.

Um was geht es konkret? Auf seinem Facebook-Profil berichtete Karabashliev von einem Besuch bei einem 97-jährigen Rentner, den er mit Fotos und erläuterndem Text versah. Diese Begegnung hat ihn nach eigenen Worten stark beeindruckt. Der alte Herr, offenbar noch erstaunlich rüstig für sein Alter, wurde diesem Bericht zufolge mehrfach von Eindringlingen in seiner Wohnung belästigt und wohl auch physisch misshandelt. Karabashliev forderte vom zuständigen Ministerium in einem Brief einen besseren Schutz bzw. eine erhöhte Rente des Kriegsveteranen, der zudem auch viele Jahre in einem Gefängnis des kommunistischen Bulgariens als Regimegegner einsass.

So weit, so gut. Es gibt wohl niemanden, der die schlechte Versorgung von Rentnern in Bulgarien und auch den häufigen Mangel an Anerkennung, den die vielen unschuldigen Opfer der kommunistischen Systemjustiz gegen Regimegegner in der heutigen bulgarischen Gesellschaft erhalten, nicht bedauert. Also durchaus eine edelmütige Aktion, die dem Initiator zur Ehre gereicht, könnte man auf den ersten Blick glauben. Ein anderes Bild jedoch ergibt sich, wenn man etwas tiefer gräbt.

Der alte Herr, von dem Karabashliev berichtet, und den er mehrfach in öffentlichen Äusserungen – auch im Fernsehen – als Helden tituliert hat, heisst Dyanko Markov. Markov war von im kommunistischen Bulgarien aus politischen Gründen inhaftiert und wurde in den Jahren nach 1989 rehabilitiert. Er war danach Parlamentsabgeordneter einer rechten Partei und wurde die prominenteste lebende Symbolfigur der Rechten in Bulgarien wegen seines unbeugsamen Antikommunismus. Markov schrieb seine Memoiren, trat häufig als Redner bei öffentlichen Veranstaltungen auf (u.a. auch im Europaparlament) und wurde immer wieder interviewt. Er ist also nicht irgendein Rentner, sondern in Bulgarien eine sehr bekannte Figur des öffentlichen Lebens. Wir haben es mit jemandem zu tun, den viele – so auch Karabashliev – geradezu für einen mustergültigen Helden halten und als solchen immer wieder der Öffentlichkeit vorstellen.

In der ersten Version seines Facebook-Posts erwähnte Karabashliev auch ausführlich und bewundernd einen Teil der Biographie Markovs, den er interessanterweise später redigierte und komplett strich. Dieser Abschnitt bezog sich auf die Mitgliedschaft Markovs bei den sog. „Legionären“ und seine angeblich heldenhaften Taten während des 2. Weltkriegs.

Der Bund der Bulgarischen Nationalen Legionen war eine antisemitische und offen faschistische paramilitärische Organisation, die ab 1933 von Hristo Lukov geführt wurde (er benutzte den Titel „Nationaler Führer“). Die Jugendorganisation der Legionäre nutzte in ihrem Emblem das Hakenkreuz, die Uniformen des Verbandes und auch das Programm waren direkt an das Muster der nazistischen SA angelehnt und auch sonst wurde diese Bewegung als Arm Hitlers in Bulgarien angesehen und entsprechend von Nazideutschland gefördert.

Der eliminatorische Antisemitismus wurde in Bulgarien besonders aktiv von radikalen Gruppen wie den Legionären propagiert. Lukov, der schliesslich zum General, Kriegsminister und zur grauen Eminenz im Hintergrund aufstieg, nutzte die Legionäre, um auch politisch immer mehr Einfluss zu gewinnen;  die Gestapo diskutierte ernsthaft, ob man einen Staatsstreich Lukovs gegen den bei der Judenvernichtung in Bulgarien aus opportunistischen Gründen – die Niederlage der Nazis war bereits absehbar – zögerlichen Zar Boris III durchführen sollte und an seiner Stelle Lukov als Diktator, der die Judenvernichtung in Bulgarien „liefern“ würde, unterstützen sollte. Dazu kam es am Ende nicht, Lukov wurde von der 19-jährigen jüdischen Partisanin Violeta Yakova bei einem Attentat getötet (sie wurde später von bulgarischen Sicherheitskräften bestialisch vergewaltigt und zu Tode gefoltert); der starke Widerstand vieler bulgarischer Bürger, einiger Politiker (wie Dimitar Peshev) und der Orthodoxen Kirche in Bulgarien führten dazu, dass Bulgarien die Juden im eigenen Land nicht an die Nazis auslieferte.

Die Juden in den von Bulgarien besetzten Gebieten Thrakiens, Mazedoniens und der serbischen Region Pirot hatten weniger Glück: sie wurden als einzige Einwohner dieser Gebiete nicht als Bulgaren angesehen, und mit diesem „Trick“ hatte man die Grundlage geschaffen, sie zu deportieren. Die Deportation in diesen Gebieten wurde von Bulgaren organisiert und durchgeführt, Mitglieder der Bulgarischen Nationalen Legionen zeigten sich besonders eifrig, entsprach der Mord an den Juden doch ihrem eigenen Programm. Mehr als 11000 Juden wurden überwiegend nach Treblinka zur Vergasung deportiert.

Der Gründer und „Führer“ dieser Organisation, die Hand- und Spanndienste beim Judenmord leistete, Hristo Lukov, ist das Idol vieler Neo-Nazis in Europa bis heute, er wird jedes Jahr mit einem Fackelzug gewaltbereiter Rechtsextremisten aus ganz Europa auf den Strassen von Sofia „geehrt“. Lukov ist auch das verehrte Idol von Dyanko Markov, und er propagiert bis heute das Gedankengut der Legionäre. Seine Memoiren singen das Heldenlied dieser Organisation. Der Holocaust in den von Bulgarien besetzten und annektierten Gebieten wurde von Markov in einer Rede im bulgarischen Parlament im Jahr 2000 dahingehend kommentiert, dass die Deportation einer „feindlichen Bevölkerungsgruppe“ kein Kriegsverbrechen sei. Im Jahr 2018 ergänzte er dazu noch, dass die Deportation nach Treblinka „relativ human“ gewesen sei. Fast zeitgleich erhielt Markov vom bulgarischen Staat einen hohen Verdienstorden. Man fragt sich allerdings, wofür…

In diesem Punkt liegt der eigentliche Skandal, in dessen Mittelpunkt sich Karabashliev jetzt, wohl aus tiefster Überzeugung selbst manövriert hat.

Wenn es ihm und seinen einschlägig bekannten Co-Propagandisten darum gegangen wäre, auf das Los der Veteranen, der ehemaligen Häftlinge und Opfer des kommunistischen Unrechtsregimes oder generell auf die schändliche Situation, in der viele betagte Menschen in Bulgarien vegetieren müssen, aufmerksam machen zu wollen, hätte man sich ohne weiteres fast jeden beliebigen älteren Menschen in Bulgarien als Beispiel aussuchen können. Dass man ausgerechnet einen Dyanko Markov, dessen Auftritt im Europäischen Parlament vor wenigen Jahren einen grossen Skandal auslöste, nachdem sein ungebrochenes Eintreten für eine menschenverachtende Organisation und Ideologie und seine Holocaust-Relativierung bekannt wurde, ist natürlich politisches Programm der kleinen Gruppe, die ihn immer wieder instrumentalisiert, um verbrecherische faschistische Organisationen aus dem Vorkriegs-Bulgarien zu rehabilitieren und daraus letzten Endes politisches Kapital zu schlagen.

Wer darauf hinweist, dass hier eine inhumane Ideologie propagiert wird und eine Gruppierung, deren Hauptziel nach eigener Aussage der Massenmord an bestimmten Bevölkerungsgruppen und der Angriffskrieg im Osten war, zu Heroen aufgebaut werden sollen, muss sich auf einiges gefasst machen, von – am Ende erfolglosen – Verleumdungsprozessen bis hin zu geifernden, hasserfüllten persönlichen Angriffen aus dem Lager von Karabashlievs Gesinnungsgenossen. Leider liegen derartige Tendenzen wohl im Zeitgeist, denn in Bulgarien, das von einer Regierungskoalition rechter und rechtsextremer Parteien regiert wird, gibt es seit einiger Zeit auch unter Intellektuellen Strömungen, die den Holocaust relativieren oder leugnen, und die „den Juden“ die Schuld am Kommunismus und seinen Verbrechen geben (und insofern den Massenmord an ihnen als entschuldbare Reaktion darauf interpretieren); auch der uralte antisemitische Topos von den Juden als Christus-Mördern feiert Wiederauferstehung, z.B. in den Spalten des einstmals angesehenen Portals „Kultura“. Dass sich bulgarische Schriftsteller wie Karabashliev und einige andere aus der zweiten und dritten Garnitur dazu hergeben, ist eine moralische Bankrotterklärung.

Der Fall Karabashliev wiegt besonders schwer aufgrund seiner einflussreichen Stellung im bulgarischen Verlagswesen. Bezeichnenderweise hat – mit der Ausnahme von Angel Igov, der der Darstellung von Karabashliev und seiner Bundesgenossen mit Hinweis auf die Fakten widersprochen hat und von Lea Cohen, die als Jüdin ohnehin traditionell eine Zielscheibe der bulgarischen Antisemiten ist – meines Wissens bisher noch kein anderer Autor zu dem Vorgang Stellung genommen. Zu gross ist offenbar die Angst, auf dem kleinen bulgarischen Buchmarkt Pulikationsmöglichkeiten zu verlieren oder bei Lesern anzuecken, von denen wohl ein beträchtlicher Teil mit Markovs und Karabashlievs Geschichtsrevisionismus sympathisiert. Man mag das Feigheit oder komplette Abgestumpftheit gegenüber moralischen Werten nennen; ein Trauerspiel und ein besorgniserregendes Symptom für den Zustand der bulgarischen Gesellschaft ist es auf jeden Fall.

© Thomas Hübner and Mytwostotinki, 2014-9. Unauthorized use and/or duplication of this material without expressed and written permission from this blog’s author and/or owner is strictly prohibited. Excerpts and links may be used, provided that full and clear credit is given to Thomas Hübner and Mytwostotinki with appropriate and specific direction to the original content.

More, more, more

More money, more consumption, more happiness – the trinity of our so-called modern life. And in this utilitarian world, “happiness” seems to be the highest good, the one final goal that all of us should aspire to achieve. It is for a reason that “the pursuit of happiness” is mentioned in a prominent place in the American Declaration of Independence, and that Jeremy Bentham’s phrase “the greatest happiness of the greatest number – that is the measure of right and wrong” is one of the major pillars of the predominant political philosophy of our times. What’s left for all those who are not able or willing to subscribe to the fetish “happiness”: prozac, psychotherapy, or the final exit. Or, possibly, the utopia of a life that is not happy, but meaningful.

© Thomas Hübner and mytwostotinki.com, 2014-8. Unauthorized use and/or duplication of this material without expressed and written permission from this blog’s author and/or owner is strictly prohibited. Excerpts and links may be used, provided that full and clear credit is given to Thomas Hübner and mytwostotinki.com with appropriate and specific direction to the original content.

How official Bulgaria is (not) promoting its literature abroad

The second year in a row, I tried to get a copy of the actual edition of the “Catalogue of Contemporary Bulgarian Prose” – and the second time in a row, I failed.

But I am sure, it is much more efficient for the promotion of Bulgarian literature abroad to display a huge number of copies of this almanach – that was especially produced to serve the interest of those abroad who want to publish/promote Bulgarian authors in foreign languages – in “Peroto”, the book cafe in the National Palace of Culture in Sofia, than to hand out one copy to someone who belongs to the target group and makes an effort to get some Bulgarian authors published abroad.

This experience is completely in line with the bleak picture of how official Bulgaria – i.e. the state institution responsible for it – is (not) promoting its literature abroad.

And since I am at it: why was Bulgaria not officially represented in Leipzig, the book fair that is focused on Eastern Europe? Why is the Bulgarian booth in Frankfurt so poor and unprofessional? It is a pity, because these failed efforts are not reflecting what Bulgarian literature has to offer. With the same budget, with an attitude that is a little bit less arrogant, and with a little bit more professionalism it would be easy to achieve something much more effective and sustainable. It’s Bulgarian authors who suffer most from the present situation, and also potentially interested readers abroad.  

© Thomas Hübner and mytwostotinki.com, 2014-8. Unauthorized use and/or duplication of this material without expressed and written permission from this blog’s author and/or owner is strictly prohibited. Excerpts and links may be used, provided that full and clear credit is given to Thomas Hübner and mytwostotinki.com with appropriate and specific direction to the original content.

 


Пациентът България

Всеки, който последва политическа дискусия в социалните медии в тази страна, разбира че пациентът България е много болен.

© Thomas Hübner and mytwostotinki.com, 2014-8. Unauthorized use and/or duplication of this material without expressed and written permission from this blog’s author and/or owner is strictly prohibited. Excerpts and links may be used, provided that full and clear credit is given to Thomas Hübner and mytwostotinki.com with appropriate and specific direction to the original content.