Tag Archives: opinion

Death of a Poet

Everyone has their own way of dealing with the death of a friend or relative. I am very quiet on such occasions, turned inwards, and want to be left alone with my mourning. And certainly, the idea to exhibit my friendship and emotional closeness with a recently deceased by posting about it in social media is something alien to me, something I cannot understand at all.

Now that the news has become known that a very talented Bulgarian poet, Nikolai Atanasov, has died at the age of 41 years only, dozens of my FB friends expressed their grief and shared poems. But many also wrote very detailed personal reminiscences, anecdotes, descriptions of experiences, the respective person has had with the deceased, analyzing his life, his poetry, his health, his sexual orientation, his character, and what not.

What struck me and made me infinitely sad: out of everything what the friends of the deceased wrote, one thing became clear: here someone had died, who for a very long time was very sick, poor and socially completely isolated, someone who had practically no emotional support, according to many of his friends, someone who over the years showed clearly signs of poor and deteriorating physical and mental health. I would have wished that among those who claimed to have been friends with the deceased only one would have proved to be a true friend, and would have done something to save the poet from the abyss in which he now obviously perished. Maybe he would be still alive.

But that’s the way it is: once an artist or poet has died in misery, those who have let him/her down and who didn’t extend a helping hand when it was desperately needed, celebrate themselves and their “great friendship” with the dead post mortem. I wonder if at least one of these friends feels ashamed?!

© Thomas Hübner and Mytwostotinki, 2014-9. Unauthorized use and/or duplication of this material without expressed and written permission from this blog’s author and/or owner is strictly prohibited. Excerpts and links may be used, provided that full and clear credit is given to Thomas Hübner and Mytwostotinki with appropriate and specific direction to the original content.

Abschaffen!

“Den Nobelpreis sollte man endlich abschaffen.”

Das sagte Peter Handke im Jahr 2014, und ich stimme in diesem Fall vollkommen mit ihm überein. Mit der Verleihung des Literaturnobelpreises an diesen Autor ist dieser Preis endgültig obsolet geworden.

Mit dem literarischen Schaffen Handkes konnte ich nie viel anfangen; und wenn er jetzt von manchen als “genialer Stilist” gefeiert wird, habe ich den Eindruck, das solche Leute nicht viel von ihm gelesen haben werden. Das Preziöse und Gestelzte seines Stils sollte doch wohl jedem, der auch nur ein Buch von ihm gelesen hat, aufgefallen sein. Und ein tiefer Denker ist Handke sicher auch nicht, mehr als einmal schrieb ich “Schwafler!” oder “Dampfplauderer!” an den Rand – zugegeben, manche halten solche Stellen offenbar für “poetisch”. Und die Dialoge, die Handke für Wim Wenders’ Der Himmel über Berlin geschrieben hat, strotzen nur so von Stilblüten und grandiosem Kitsch.

Ich will hier aber keine Stilkritik betreiben, sondern vielmehr ein paar Beobachtungen mitteilen, die ich im Zusammenhang mit der öffentlichen Debatte um Handkes Aussagen zu Serbien und seiner Rolle in den Jugoslawien-Kriegen gemacht habe.

Dabei wurde von denjenigen, die glauben, Handke habe den Nobelpreis wegen dieser Rolle nicht verdient, geltend gemacht, dass er sich bewusst und über Jahre hinweg zum Apologeten des aggressiven serbischen Nationalismus und Chauvinismus gemacht habe, dass er die Nähe von Kriegsverbrechern gesucht habe, sich mit Karadžić und Milošević getroffen und ihnen Texte gewidmet habe, dass er muslimische und kroatische Opfer und ihre Familien verhöhnt und entwürdigt habe, den Völkermord in Srebrenica erst in Frage gestellt, dann relativiert und entschuldigt habe, und einiges mehr.

Diejenigen, die die Auszeichnung Handkes für gerechtfertigt halten, verweisen auf seine angeblich überragende Bedeutung als Autor; die von seinen Gegnern beanstandeten Punkte werden entweder geleugnet, als vereinzelte, nicht relevante “umstrittene” Aussagen, die aus dem Zusammenhang gerissen wurden heruntergespielt, oder es wird auf die angebliche Trennung zwischen literarischem Werk und Autor hingewiesen, die man beachten müsse. Etwaige umstrittene Aussagen des Autors seien für die Beurteilung seines Werks unerheblich und würden dieses nicht beschädigen. Der Nobelpreis sei ein Literaturpreis und kein Preis für die politischen Auffassungen seines Autors. Ferner wurde den Handke-Gegnern generell unterstellt, sie kennten sein Werk nicht und würden eine Hetzjagd auf ihn betreiben. Vereinzelt wurde geäußert, Kritik an Handke sei “widerlich” bzw. einzelne Kritiker, die so etwas sagten seien “einfach nur widerlich”.

Die zum Teil scharfe Kritik an Handke kam für mich nicht überraschend. Als jemand, der 5 Jahre in Ex-Jugoslawien gelebt hat und viele Menschen verschiedener ethnischer Gruppen dort und deren Leidensgeschichte kennt, habe ich das umfangreiche Werk Handkes zum Thema Serbien (es taucht in wenigstens 6 seiner Werke als Hauptthema auf, außerdem gibt es Erzählungen, Essays, Interviews – er hat sich geradezu obsessiv an diesem Thema abgearbeitet.) über viele Jahre mit zunehmendem Unbehagen verfolgt. Die an Handke jetzt gemachten Vorwürfe treffen aus meiner Sicht vollkommen ins Schwarze.

Zum Argument, der Literaturnobelpreis sei nur ein Literaturpreis und Handkes umstrittene Aussagen irrelevant, muss darauf hingewiesen werden, dass das so nicht stimmt. Der Literaturnobelpreis ist nach dem Willen seines Stifters ein Preis der dem Autor verliehen werden soll, der „das Vorzüglichste in idealistischer Richtung geschaffen hat“. Worin die “idealistische Richtung” von Handkes Serbien-Werken liegen soll, konnte mir bisher leider niemand erklären. Aber vielleicht kommt das ja noch.

Die angebliche Trennung von Autor und Werk – nun ja, der Autor hat ja das Werk produziert, es gibt also wohl das wieder, was er denkt und glaubt. Handke ist ja nicht der erste Autor, der Dinge gesagt oder geschrieben oder getan hat, die vollkommen unakzeptabel sind. Aber weder ein Celine noch ein Pound haben den Nobelpreis bekommen, und zwar aus gutem Grund. (Dass das Nobelpreiskommitee aber auch schon in der Vergangenheit unakzeptable Autoren ausgezeichnet hat, muss man allerdings auch festhalten. Man denke nur an Pablo Neruda, ein Mann der viele Jahre lang Teil der stalinistischen Mordmaschinerie war.) Und Handkes umstrittene Aussagen stehen ja in mindestens einem halben Dutzend seiner Werke, ein nicht ganz belangloser Teil seines Werkes.

Nachdem die Auseinandersetzung in den Medien nunmehr schon seit Wochen andauert, sollte hier vielleicht auf zwei Artikel aufmerksam gemacht werden, die ganz gut das zusammenfassen (mit ausführlichen Textzitaten von Handke), was es an seinen Serbien-Texten zu beanstanden gibt.

Einige der Handke-Befürworter machen in dieser Phase leider einen wenig angenehmen und intellektuell oft nicht gerade redlichen Eindruck. Nachdem erst behauptet wurde, die Handke-Kritiker kennten sein Werk nicht, wurden jetzt, insbesondere nachdem Michael Martens (FAZ) und Alida Bremer (Perlentaucher) umfangreiche Nachweise für das chauvinistisch-revisionistische Engagement Handkes geliefert haben, weinerlich behauptet: “Nennen Sie das eine intellektuelle Debatte, mir einfach so Zitate vorzuhalten!” (Ein bekannter Handke-Biograph äußerte sich so sinngemäß auf Twitter.) Jetzt heißt es: “Hetzkampagne, wie unfair!”, und “Der arme Mann!”.

Nein, werte Handke-Verehrer, das Zitieren und leidenschaftslose Analysieren der Handke-Texte ist keine Hetzkampagne. Es ist unangenehm für den Genozid-Relativierer Handke, der in dem Licht seiner eigenen Texte gezeigt wird. Wenn es an der ganzen Angelegenheit etwas Widerliches gibt, sind es die Texte Handkes, nicht das Sich-ins-Erinnern-Rufen dessen, was er seit vielen Jahren gesagt, geschrieben und getan hat.

Was mich bei der Diskussion um Handke besonders schockt, ist etwas wozu ich ein wenig ausholen will. Geschichtsrevisionismus und extremer Nationalismus, der auch vor der Vertreibung und Ermordung ganzer Völker nicht haltmacht, sind ein grosses Problem in ganz Osteuropa. Über die versuchte Rehabilitierung einer faschistischen und antisemitischen Organisation, für die sich ein bulgarischer Schriftsteller kürzlich einsetzte, habe ich an anderer Stelle berichtet. In Rumänien, wo der Antisemitismus unter Intellektuellen immer besonders stark ausgeprägt war, macht der Schriftsteller Paul Goma seit vielen Jahren Stimmung gegen die Juden. Die Juden seien nun mal die Erfinder des Kommunismus und der Völkermord der Rumänen an den Juden im 2. Weltkrieg – den er abwechselnd mal leugnet und dann wieder zugibt, aber relativiert – sei daher als Racheakt zu sehen, und sei daher gewissermaßen verständlich und entschuldbar.

Handke argumentiert analog ganz genauso, wenn es um den Massenmord von Srebrenica geht, den er abwechselnd leugnet, dann bezweifelt, dann zwar zugibt, aber relativiert (es waren angeblich “nur” 2000 bis 4000 Opfer, und es war auch kein Genozid, weil die Ermordeten ausschließlich Männer waren(!) – außerdem sei die Tat nur ein Racheakt gewesen für ein angebliches Massaker der “Muselmanen”. Die Täter-Opfer-Umkehr ist etwas, was Handke mit vielen Apologeten seiner Couleur gemeinsam hat.). Die Serben, die jahrelang die Einwohner Sarajevos terrorisierten und Tausende von ihnen durch Scharfschützen ermordeten werden gar mit Leuten, die eigentlich nur Indianer spielen wollten, verglichen! Das ist alles so erschreckend menschenverachtend, so bar jeder Empathie mit den Opfern (denen er im Tod sogar den Opferstatus abspricht – Opfer sind bei ihm die Serben) – dass es mir einfach nur den Atem verschlägt, wenn sich Menschen, die sich als Intellektuelle bezeichnen, sich nicht mit schärfsten Worten von solchen furchtbaren Äußerungen in seinem Werk distanzieren und es sogar begeistert feiern, wenn Herr Handke mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wird. Ich finde sowohl die Auszeichnung für Handke, als auch vieles von dem, was seine Verteidiger schreiben, schlicht und einfach zum Kotzen. – Pardon my French!

Wer sich über Strömungen unter serbischen Intellektuellen des 20. Jahrhunderts (darunter auch Ivo Andric) informieren will, in die sich Handke, der Apologet der ethnischen Säuberung einreiht, sei auf die untenstehende Veröffentlichung des Albanologen Robert Elsie hingewiesen, die auch die beiden Denkschriften des Sarajewo- Attentäters Vaso Čubrilović und das Gutachten von Andric zur ethnischen Säuberung enthält. Vieles von dem, was Handke seinen serbischen Bezugspersonen nachplapperte, hat seine Wurzeln in den Denkschriften Čubrilovićs, der in den 1980ern hochbetagt, wiederentdeckt wurde und dessen Plan zur ethnischen Säuberung das Drehbuch zu den Feldzügen der serbischen Militärs und Paramilitärs darstellte.

“Den Nobelpreis sollte man endlich abschaffen.” – Peter Handke hat Recht! (Das Preisgeld wird er aber sicher annehmen!)

Robert Elsie (Hg.): Gathering Clouds. The Roots of Ethnic Cleansing in Kosovo and Macedonia, Albanian Studies Vol. 4, Centre for Albanian Studies, London 2015


18% Brown: the downfall of a Bulgarian intellectual (II)

Some time ago I reported on this blog how the Bulgarian author Zachary Karabashliev campaigned for a veteran of the Bulgarian fascist and anti-Semitic “Legions” (in a FB post that he later edited by deleting the reference to the “Legions”) whom he called “a hero”. The same admiration was expressed by Karabashliev in a TV interview. The man in question, Dyanko Markov, has in the past repeatedly made public statements in which he described the deportation of the Jews in the areas annexed by Bulgaria in WWII to Treblinka as “relatively human”, and he even justified this deportation and murder of a “hostile population” in a speech in the Bulgarian Parliament a few years ago. Until today he identifies himself with the “values” of the Legions, an organization, which was created after the image of the German SA.

In my blog post I mentioned that Karabashliev and his fellow supporters, some of whom have been running a campaign for years to rehabilitate the anti-Semite Dyanko Markov and the fascist and anti-Semitic Bulgarian Legions, use a concrete incident described in the article to reiterate their historical revisionist theses on the heroism of the Legions, whose founder and leader Hristo Lukov is a figure venerated by Nazis throughout Europe today.

It is a tactic already applied in the past by a specific supporter of Dyanko Markov, to try to intimidate people who mention some for Markov and his fans uncomfortable facts with abusive words, as well as with the threat of legal action on the grounds of slander. So it was no surprise that Mr. Karabashliev, under the influence of the said person, sent me a formally polite and content-wise outrageous message, giving me an ultimatum of 48 hours to delete my allegedly “defamatory” contribution.

Although I can subjectively understand that – as he writes himself – my previous blog post is very unpleasant for him, I have to tell to Mr. Karabashliev however that he has to look who’s talking here. If he had not made the attempt to portray a man as a hero who – according to the final verdict of no less than three court cases on the exact same matter (Markov et al. vs. Yuliana Metodieva) – can be called an anti-Semite and a fascist – and who until today sticks to the ideals of his youth and propagates the anti-Semitic and fascist “values” of the Legions, while at the same time voicing holocaust apologies and denying the responsibility of the organization of which he was a member in the holocaust, my article would never have been written. And for a word that Mr. Karabashliev has distanced himself in the meantime from the Legions and the anti-Semite and fascist Dyanko Markov I have waited until now in vain.

What Mr. Karabashliev apparently has not understood until today: if a Dyanko Markov had been a member of the Legions and would have distanced himself credibly at some point in his life from the anti-Semitism and fascism of this immoral and inhuman organization, my article would also not have been written. But Markov is still a propagandist for the Legions and their anti-Semitism and fascism, he has participated several times in the notorious Nazi march in honor of Lukov, but Mr. Karabashliev finds him heroic and then begins moaning and whining when someone tells him that he is campaigning here de facto for the rehabilitation of an anti-Semitic and fascist organization, and also for the rehabilitation of a member who has not become in any ways distant to these “values” during his whole life.

Mr. Karabashliev has either committed a stupidity of gigantic proportions or he is sharing Markov’s political convictions and now, after several people have publicly criticized him for this, he seems to believe that the allegation of a lawsuit will cause me to tacitly delete my post. However, Mr. Karabashliev makes a mistake of judgment here. I am not intimidated by his threat.

I hope in his own interest that Mr. Karabashliev is informed by his lawyer that not everything that is personally unpleasant to him is slander. And that I have said something untrue about Mr. Karabashliev, he probably will not want to assert. That would be – because if he claims so, it is obviously not true – indeed slander by Mr. Karabashliev and therefore potentially a criminal offense. He may not realize his very delicate legal position in this case, but of course he, just like any other citizen, can choose the legal recourse to clarify which of the two of us has violated the law by claiming something false with the intention to tarnish the reputation of the other. The result could be quite surprising and even more unpleasant for Mr. Karabashliev than my blog post. In any case, I will continue to report on the activities of certain revisionist circles in Bulgaria, and in the future possibly in front of a larger international public.

Whether Mr. Karabashliev wants to be associated with anti-Semitic, fascist and historical revisionist circles in Bulgaria also in the future, or whether he realizes that he has got himself into something on this matter, which will permanently harm his reputation as a writer and person, I do not know, of course. The damage to his reputation, however, will be far greater and more lasting if he goes to court. The choice is up to him.

PS: Here is a report of the Bulgarian Jewish organization Shalom on anti-Semitism in Bulgaria. On page 8, Dyanko Markov and the Bulgarian Legions are also mentioned.

And here is a report on the three dismissed lawsuits, with which the journalist Yuliana Metodieva should be muzzled unsuccessfully in the dispute over Markov in the past.

© Thomas Hübner and Mytwostotinki, 2014-9. Unauthorized use and/or duplication of this material without expressed and written permission from this blog’s author and/or owner is strictly prohibited. Excerpts and links may be used, provided that full and clear credit is given to Thomas Hübner and Mytwostotinki with appropriate and specific direction to the original content.

18% Braun: Vom Fall eines bulgarischen Intellektuellen (II)

Vor einiger Zeit berichtete ich auf diesem Blog, wie der bulgarische Schriftsteller Zachary Karabashliev sich für einen Veteranen der bulgarischen faschistischen und antisemitischen „Legionen“ einsetzte und diesen (in einem später von ihm redigierten FB-Post, in dem er den Teil, der sich auf die Legionärstätigkeit dieses Mannes bezieht, löschte) als Helden bezeichnete. Ähnlich äusserte er sich in einem Fernsehinterview. Der Mann um den es geht, Dyanko Markov, wurde in der Vergangenheit mehrfach durch Äusserungen, in der er die Deportation der Juden in den von Bulgarien annektierten Gebieten nach Treblinka als „relativ menschlich“ bezeichnete, und der diese Deportation einer „feindlichen Bevölkerung“ öffentlich in einer Rede im bulgarischen Parlament vor einigen Jahren rechtfertigte, bekannt. Er steht bis heute zu den Werten der Legionäre, der bulgarischen Organisation, die nach dem Abbild der deutschen SA gegründet wurde.

In meinem Beitrag stellte ich fest, dass Karabashliev und seine teilweise schon einschlägig hervorgetretenen Mitstreiter, von denen einige seit Jahren eine Kampagne zur Rehabilitation des Antisemiten und Faschisten Dyanko Markov und der faschistischen und antisemitischen Organisation der Legionäre betreiben, einen konkreten Vorfall, der in dem Artikel geschildert wird, dazu benutzen, erneut ihre geschichtsrevisionistischen Thesen von der Heldenhaftigkeit der Legionäre, deren Gründer und Führer Lukov eine von Nazis in ganz Europa heute verehrte Figur ist, zu propagieren.

Es ist eine schon mehrfach erprobte Taktik einer Mitstreiterin von Dyanko Markov, Personen, die einige für Markov und seine Unterstützer unbequeme Tatsachen erwähnen, mit wüstesten persönlichen Angriffen und Schimpfworten und ausserdem mit einer Klageandrohung wegen Verleumdung bzw. übler Nachrede zu bedrohen. So war es auch keine Überraschung, dass mir Herr Karabashliev, wohl unter dem Einfluss der besagten Person, eine in höflichem Ton gehaltene aber inhaltlich unverschämte Nachricht zukommen liess, die mir ein Ultimatum von 48 Stunden gibt, meinen angeblich „verleumderischen“ Beitrag zu löschen.

Nun kann ich zwar subjektiv nachvollziehen, dass – wie er selbst schreibt – mein Artikel ihm sehr unangenehm ist. Allerdings muss sich Herr Karabashliev hier an die eigene Nase fassen. Hätte er nicht den Versuch gemacht, einen Mann als Helden darzustellen, der – und das ist gerichtlich letztinstanzlich bereits festgestellt (Rechtssache Markov et al. vs. Yuliana Methodieva) bis heute zu den Idealen der antisemitischen Legionäre steht und ihre Werte propagiert, bei gleichzeitiger Holocaustrelativierung und -apologie, ein Mann, den man von Rechts wegen ungestraft einen Antisemiten und Faschisten nennen darf, wäre mein Artikel nie geschrieben worden. Und eine Stellungnahme, in der Herr Karabashliev in der Zwischenzeit geäussert hätte, dass er sich eindeutig von den Legionären und dem Antisemiten und Faschisten Dyanko Markov distanziert – diese Stellungnahme habe ich bisher vergeblich erwartet.

Was Herr Karabashliev offenbar bis heute nicht verstanden hat: wäre ein Dyanko Markov Legionär gewesen und hätte sich irgendwann in seinem Leben glaubhaft vom Antisemitismus und Faschismus dieser amoralischen Organisation distanziert, wäre mein Artikel ebenfalls nicht geschrieben worden. Aber Markov steht bis heute zu den Legionären und ihrem Antisemitismus und Faschismus, hat auch mehrfach am berüchtigten Naziaufmarsch zu Ehren Lukovs teilgenommen, aber Karabashliev findet ihn heldenhaft und fängt dann an zu zetern und zu jammern, wenn jemand ihm sagt, dass er hier eine jahrelange Kampagne zur Rehabilitierung dieser antisemitischen und faschistischen Organisation unterstützt, eine Rehabilitierung eines Mitglieds auch, der überhaupt nicht geläutert ist und der sich nie glaubhaft von dieser Organisation und ihren verbrecherischen Zielen distanziert hat.

Herr Karabashliev hat entweder eine Dummheit von gigantischem Ausmass oder aber eine Überzeugungstat begangen und glaubt nun, nachdem ihn mehrere Personen dafür öffentlich kritisiert haben anscheinend, dass die Klageandrohung mich dazu veranlassen wird, meinen Post stillschweigend zu löschen. Allerdings begeht Herr Karabashliev hier eine Fehleinschätzung. Einschüchtern lasse ich mich nämlich nicht.

Ich hoffe in seinem eigenen Interesse, Herr Karabashliev wird von seinem Anwalt darüber aufgeklärt, dass nicht alles, was ihm persönlich unangenehm ist, Verleumdung darstellt. Und dass ich etwas Unwahres über Herrn Karabashliev behauptet habe, wird er wohl nicht behaupten wollen. Das wäre dann nämlich – da wahrheitswidrig – in der Tat Verleumdung durch Herrn Karabashliev und ergo strafrechtlich relevant. Falls er das nicht einsieht, steht ihm natürlich wie jedem Bürger der Rechtsweg offen, um zu klären, wer von uns beiden hier das Recht verletzt hat, indem er Unwahres behauptet. Das Ergebnis könnte für Herrn Karabashliev durchaus überraschend und noch viel unangenehmer sein als mein Artikel. In jedem Fall werde ich auch weiterhin und in Zukunft wohl auch vor einer grösseren internationalen Öffentlichkeit über die geschichtsrevisionistischen Aktivitäten gewisser Personen in Bulgarien berichten.

Ob Herr Karabashliev Wert darauf legt, auch weiterhin mit antisemitischen, faschistischen und geschichtsrevisionistischen Kreisen in Bulgarien in Verbindung gebracht zu werden, oder ob er einsieht, dass er sich bei dieser Angelegenheit in etwas verrannt hat, was seinem Ansehen als Schriftsteller und Person nachhaltig schadet, weiss ich natürlich nicht. Der Schaden für sein Ansehen wird allerdings ungleich grösser und dauerhafter sein, wenn er den Gerichtsweg beschreitet. Es liegt ganz bei ihm.

PS: Hier ein Bericht der bulgarischen jüdischen Organisation Shalom zum Antisemitismus in Bulgarien. Auf S. 8 finden auch Dyanko Markov und die Bulgarischen Legionen Erwähnung.

Und hier ein Bericht über die drei abgewiesenen Klagen, mit denen die Journalistin Yuliana Metodieva in der Auseinandersetzung um Markov erfolglos mundtot gemacht werden sollte.

© Thomas Hübner and Mytwostotinki, 2014-9. Unauthorized use and/or duplication of this material without expressed and written permission from this blog’s author and/or owner is strictly prohibited. Excerpts and links may be used, provided that full and clear credit is given to Thomas Hübner and Mytwostotinki with appropriate and specific direction to the original content.

18% Braun: Vom Fall eines bulgarischen Intellektuellen

Die Länder Osteuropas tun sich nach wie vor schwer mit der Einordnung ihrer Geschichte und der Personen und Strömungen, die sie gestaltet haben. Das gilt vor allem für das Erbe aus der Zeit unmittelbar vor der kommunistischen Machtergreifung. In vielen osteuropäischen Ländern gab es seit den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts faschistische oder offen nationalsozialistische Gruppierungen, die sich grosser Unterstützung in Teilen der Bevölkerung erfreuten, und die in der Regel einen radikalen Antikommunismus mit einem totalitären Gesellschaftsmodell und eliminatorischem Antisemitismus nach nationalsozialistischem Vorbild verknüpften.

Aus diesen Gruppierungen erwuchsen den Nazis vor und bei Kriegsausbruch fanatische Unterstützer für ihre Gewaltpolitik, in deren Zug sie ganze Rassen ausrotten wollten, allen voran die Juden und Roma. Die seit Jahrhunderten verbreiteten Vorurteile und gesellschaftlichen Ausgrenzungen, sowie die vorhandene Gewaltbereitschaft gegenüber diesen Bevölkerungsgruppen in Osteuropa wurde von den Nazis gerne aufgegriffen und für ihr barbarisches Ausmerzungsprojekt dienstbar gemacht. Die antisemitischen und faschistischen Organisationen der „Eliten“ in diesen Ländern verschwanden zwar scheinbar später mit der kommunistischen Machtergreifung, die Personen und Geisteshaltungen aber blieben selbstverständlich weitgehend unverändert.

Während sich viele führende Vertreter faschistischer Gruppierungen rechtzeitig in den Westen absetzten und mancher auch im Rahmen von Prozessen, die meist wenig rechtsstaatlich waren, hingerichtet oder zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt wurde, blieben viele auch unbehelligt. Der Zusammenbruch des kommunistischen Blocks in Osteuropa führte unter anderem auch dazu, dass sich politische Gruppierungen bildeten, die sich bewusst an Vorkriegsorganisationen anlehnten oder in deren Tradition sehen. Dabei wurde in der Regel der Antikommunismus dieser Gruppierungen in den Vordergrund gestellt, die totalitär-faschistische und antisemitische Tradition aber gerne verschwiegen oder relativiert.

Hartgesottene Antisemiten und Rassisten, die das kommunistische Regime überlebt haben und bis heute stolz auf ihre (Un-)Taten gegenüber Juden sind und die in einigen Fällen Jahrzehnte hinter Gittern in einem kommunistischen Gefängnis verbracht hatten, wurden von vielen plötzlich ungeachtet (oder vielleicht gerade wegen?) ihres offenen und ungeläuterten Eintretens für die Ideologie ihrer Jugendjahre als antikommunistische Märtyrer und Helden und Vorbilder für die Jugend des 21. Jahrhunderts dargestellt. Und immer wieder finden sich willige Intellektuelle, die dieses revisionistische Narrativ aus ganzem Herzen unterstützen.

Von einem solchen Fall will ich hier berichten. Im Zentrum steht dabei der bulgarische Schriftsteller Zachary Karabashliev, dessen Roman 18% Grau auch in englischer Übersetzung vorliegt.

Um was geht es konkret? Auf seinem Facebook-Profil berichtete Karabashliev von einem Besuch bei einem 97-jährigen Rentner, den er mit Fotos und erläuterndem Text versah. Diese Begegnung hat ihn nach eigenen Worten stark beeindruckt. Der alte Herr, offenbar noch erstaunlich rüstig für sein Alter, wurde diesem Bericht zufolge mehrfach von Eindringlingen in seiner Wohnung belästigt und wohl auch physisch misshandelt. Karabashliev forderte vom zuständigen Ministerium in einem Brief einen besseren Schutz bzw. eine erhöhte Rente des Kriegsveteranen, der zudem auch viele Jahre in einem Gefängnis des kommunistischen Bulgariens als Regimegegner einsass.

So weit, so gut. Es gibt wohl niemanden, der die schlechte Versorgung von Rentnern in Bulgarien und auch den häufigen Mangel an Anerkennung, den die vielen unschuldigen Opfer der kommunistischen Systemjustiz gegen Regimegegner in der heutigen bulgarischen Gesellschaft erhalten, nicht bedauert. Also durchaus eine edelmütige Aktion, die dem Initiator zur Ehre gereicht, könnte man auf den ersten Blick glauben. Ein anderes Bild jedoch ergibt sich, wenn man etwas tiefer gräbt.

Der alte Herr, von dem Karabashliev berichtet, und den er mehrfach in öffentlichen Äusserungen – auch im Fernsehen – als Helden tituliert hat, heisst Dyanko Markov. Markov war von im kommunistischen Bulgarien aus politischen Gründen inhaftiert und wurde in den Jahren nach 1989 rehabilitiert. Er war danach Parlamentsabgeordneter einer rechten Partei und wurde die prominenteste lebende Symbolfigur der Rechten in Bulgarien wegen seines unbeugsamen Antikommunismus. Markov schrieb seine Memoiren, trat häufig als Redner bei öffentlichen Veranstaltungen auf (u.a. auch im Europaparlament) und wurde immer wieder interviewt. Er ist also nicht irgendein Rentner, sondern in Bulgarien eine sehr bekannte Figur des öffentlichen Lebens. Wir haben es mit jemandem zu tun, den viele – so auch Karabashliev – geradezu für einen mustergültigen Helden halten und als solchen immer wieder der Öffentlichkeit vorstellen.

In der ersten Version seines Facebook-Posts erwähnte Karabashliev auch ausführlich und bewundernd einen Teil der Biographie Markovs, den er interessanterweise später redigierte und komplett strich. Dieser Abschnitt bezog sich auf die Mitgliedschaft Markovs bei den sog. „Legionären“ und seine angeblich heldenhaften Taten während des 2. Weltkriegs.

Der Bund der Bulgarischen Nationalen Legionen war eine antisemitische und offen faschistische paramilitärische Organisation, die ab 1933 von Hristo Lukov geführt wurde (er benutzte den Titel „Nationaler Führer“). Die Jugendorganisation der Legionäre nutzte in ihrem Emblem das Hakenkreuz, die Uniformen des Verbandes und auch das Programm waren direkt an das Muster der nazistischen SA angelehnt und auch sonst wurde diese Bewegung als Arm Hitlers in Bulgarien angesehen und entsprechend von Nazideutschland gefördert.

Der eliminatorische Antisemitismus wurde in Bulgarien besonders aktiv von radikalen Gruppen wie den Legionären propagiert. Lukov, der schliesslich zum General, Kriegsminister und zur grauen Eminenz im Hintergrund aufstieg, nutzte die Legionäre, um auch politisch immer mehr Einfluss zu gewinnen;  die Gestapo diskutierte ernsthaft, ob man einen Staatsstreich Lukovs gegen den bei der Judenvernichtung in Bulgarien aus opportunistischen Gründen – die Niederlage der Nazis war bereits absehbar – zögerlichen Zar Boris III durchführen sollte und an seiner Stelle Lukov als Diktator, der die Judenvernichtung in Bulgarien „liefern“ würde, unterstützen sollte. Dazu kam es am Ende nicht, Lukov wurde von der 19-jährigen jüdischen Partisanin Violeta Yakova bei einem Attentat getötet (sie wurde später von bulgarischen Sicherheitskräften bestialisch vergewaltigt und zu Tode gefoltert); der starke Widerstand vieler bulgarischer Bürger, einiger Politiker (wie Dimitar Peshev) und der Orthodoxen Kirche in Bulgarien führten dazu, dass Bulgarien die Juden im eigenen Land nicht an die Nazis auslieferte.

Die Juden in den von Bulgarien besetzten Gebieten Thrakiens, Mazedoniens und der serbischen Region Pirot hatten weniger Glück: sie wurden als einzige Einwohner dieser Gebiete nicht als Bulgaren angesehen, und mit diesem „Trick“ hatte man die Grundlage geschaffen, sie zu deportieren. Die Deportation in diesen Gebieten wurde von Bulgaren organisiert und durchgeführt, Mitglieder der Bulgarischen Nationalen Legionen zeigten sich besonders eifrig, entsprach der Mord an den Juden doch ihrem eigenen Programm. Mehr als 11000 Juden wurden überwiegend nach Treblinka zur Vergasung deportiert.

Der Gründer und „Führer“ dieser Organisation, die Hand- und Spanndienste beim Judenmord leistete, Hristo Lukov, ist das Idol vieler Neo-Nazis in Europa bis heute, er wird jedes Jahr mit einem Fackelzug gewaltbereiter Rechtsextremisten aus ganz Europa auf den Strassen von Sofia „geehrt“. Lukov ist auch das verehrte Idol von Dyanko Markov, und er propagiert bis heute das Gedankengut der Legionäre. Seine Memoiren singen das Heldenlied dieser Organisation. Der Holocaust in den von Bulgarien besetzten und annektierten Gebieten wurde von Markov in einer Rede im bulgarischen Parlament im Jahr 2000 dahingehend kommentiert, dass die Deportation einer „feindlichen Bevölkerungsgruppe“ kein Kriegsverbrechen sei. Im Jahr 2018 ergänzte er dazu noch, dass die Deportation nach Treblinka „relativ human“ gewesen sei. Fast zeitgleich erhielt Markov vom bulgarischen Staat einen hohen Verdienstorden. Man fragt sich allerdings, wofür…

In diesem Punkt liegt der eigentliche Skandal, in dessen Mittelpunkt sich Karabashliev jetzt, wohl aus tiefster Überzeugung selbst manövriert hat.

Wenn es ihm und seinen einschlägig bekannten Co-Propagandisten darum gegangen wäre, auf das Los der Veteranen, der ehemaligen Häftlinge und Opfer des kommunistischen Unrechtsregimes oder generell auf die schändliche Situation, in der viele betagte Menschen in Bulgarien vegetieren müssen, aufmerksam machen zu wollen, hätte man sich ohne weiteres fast jeden beliebigen älteren Menschen in Bulgarien als Beispiel aussuchen können. Dass man ausgerechnet einen Dyanko Markov, dessen Auftritt im Europäischen Parlament vor wenigen Jahren einen grossen Skandal auslöste, nachdem sein ungebrochenes Eintreten für eine menschenverachtende Organisation und Ideologie und seine Holocaust-Relativierung bekannt wurde, ist natürlich politisches Programm der kleinen Gruppe, die ihn immer wieder instrumentalisiert, um verbrecherische faschistische Organisationen aus dem Vorkriegs-Bulgarien zu rehabilitieren und daraus letzten Endes politisches Kapital zu schlagen.

Wer darauf hinweist, dass hier eine inhumane Ideologie propagiert wird und eine Gruppierung, deren Hauptziel nach eigener Aussage der Massenmord an bestimmten Bevölkerungsgruppen und der Angriffskrieg im Osten war, zu Heroen aufgebaut werden sollen, muss sich auf einiges gefasst machen, von – am Ende erfolglosen – Verleumdungsprozessen bis hin zu geifernden, hasserfüllten persönlichen Angriffen aus dem Lager von Karabashlievs Gesinnungsgenossen. Leider liegen derartige Tendenzen wohl im Zeitgeist, denn in Bulgarien, das von einer Regierungskoalition rechter und rechtsextremer Parteien regiert wird, gibt es seit einiger Zeit auch unter Intellektuellen Strömungen, die den Holocaust relativieren oder leugnen, und die „den Juden“ die Schuld am Kommunismus und seinen Verbrechen geben (und insofern den Massenmord an ihnen als entschuldbare Reaktion darauf interpretieren); auch der uralte antisemitische Topos von den Juden als Christus-Mördern feiert Wiederauferstehung, z.B. in den Spalten des einstmals angesehenen Portals „Kultura“. Dass sich bulgarische Schriftsteller wie Karabashliev und einige andere aus der zweiten und dritten Garnitur dazu hergeben, ist eine moralische Bankrotterklärung.

Der Fall Karabashliev wiegt besonders schwer aufgrund seiner einflussreichen Stellung im bulgarischen Verlagswesen. Bezeichnenderweise hat – mit der Ausnahme von Angel Igov, der der Darstellung von Karabashliev und seiner Bundesgenossen mit Hinweis auf die Fakten widersprochen hat und von Lea Cohen, die als Jüdin ohnehin traditionell eine Zielscheibe der bulgarischen Antisemiten ist – meines Wissens bisher noch kein anderer Autor zu dem Vorgang Stellung genommen. Zu gross ist offenbar die Angst, auf dem kleinen bulgarischen Buchmarkt Pulikationsmöglichkeiten zu verlieren oder bei Lesern anzuecken, von denen wohl ein beträchtlicher Teil mit Markovs und Karabashlievs Geschichtsrevisionismus sympathisiert. Man mag das Feigheit oder komplette Abgestumpftheit gegenüber moralischen Werten nennen; ein Trauerspiel und ein besorgniserregendes Symptom für den Zustand der bulgarischen Gesellschaft ist es auf jeden Fall.

© Thomas Hübner and Mytwostotinki, 2014-9. Unauthorized use and/or duplication of this material without expressed and written permission from this blog’s author and/or owner is strictly prohibited. Excerpts and links may be used, provided that full and clear credit is given to Thomas Hübner and Mytwostotinki with appropriate and specific direction to the original content.

Christoph Hein und “Das Leben der Anderen”

Christoph Hein ist ein Autor, den ich sehr schätze. Über seinen Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 24. Januar “Warum ich meinen Namen aus “Das Leben der Anderen” löschen ließ” (ein Vorabdruck aus einem bald erscheinenden neuen Buch von ihm) habe ich mich aber sehr geärgert, beim zweiten Lesen sogar noch mehr als beim ersten.

Zunächst: ich will hier gar keine Filmkritik zu „Das Leben der Anderen“ schreiben. Wie bei jedem Film, Buch oder sonstigem Erzeugnis im schöpferischen Bereich kann man bei seiner Beurteilung zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Ja, der Film ist melodramatisch – das kann man mögen oder auch nicht. Ja, in dem Film gibt es einiges, was sich genauso in der DDR nie hätte zutragen können. Auch das kann man verschieden sehen, entweder als fehlende historische Genauigkeit oder als künstlerische Freiheit des Autors, in diesem Fall des Regisseurs Florian Henckel von Donnersmarck. Ich fand den Film gut gespielt und unterhaltsam und sicherlich auch für Zuschauer außerhalb des deutschen Kontexts sehenswert. Aber darum geht es mir hier nicht. Es geht mir hier um Heins Text.

Der Text beschreibt eine offensichtlich sehr tiefe (narzisstische?) Kränkung, die der Autor Christoph Hein erlitten hat und für die er sich mit diesem Artikel mit sehr großer Zeitverzögerung rächen möchte. So lese ich es jedenfalls. Im Fußball würde man von „Nachtreten“ sprechen. Schon die Tatsache, dass er Henckel von Donnersmarck nie beim Namen nennt – es heißt durchgängig „der Regisseur“ – ist auffällig, besonders da er im Gegensatz dazu den Schauspieler Ulrich Mühe, nein seinen „Freund Ulrich Mühe“, mehrfach beim Namen nennt, obwohl dieser für den Sachverhalt von dem die Rede ist nicht von zentraler Bedeutung ist. (Allerdings frage ich mich auch, ob die Freundschaft wirklich so groß gewesen ist, da Mühe anscheinend nichts davon verlauten ließ, dass der Film nicht die von Hein erwartete Hein-Lebensverfilmung werden würde. Ein Freund hätte wohl im Lauf der Dreharbeiten oder schon vorher vielleicht mal angerufen oder darüber gesprochen, wenn – wie Hein es darstellt – klar war, dass dies ein Christoph-Hein-Film werden sollte.) Mit Verlaub, das ist unhöflich und wirkt arrogant, werter Christoph Hein. Sogar ein sehr großer und sehr junger Filmregisseur aus Westdeutschland (offenbar sind all das für den Autor Hein schwere Charakterfehler) hat es verdient, mit seinem Namen erwähnt zu werden. (Der einleitende fettgedruckte Satz stammt wohl von der Süddeutschen Zeitung, ebenso wie die Artikelüberschrift.)

Ich staune auch sehr, wieso Christoph Hein annimmt, dass sich Henckel von Donnersmarck mit niemand anderem als mit ihm unterhalten hat, bevor er den Film machte. Zudem muss man schon ein sehr großes Ego haben, um zu glauben, dass „Das Leben der Anderen“ als Christoph-Hein-Biopic angelegt ist. Henckel von Donnersmarck ist kein Breloer, und es ist für mich geradezu absurd, dass Hein uns allen Ernstes weismachen will, dass der Regisseur eine Verfilmung seines (Heins) Lebens in der DDR geplant hatte. Wenn er schreibt „Im Kino sitzend hatte ich erstaunt auf mein Leben geschaut“, dann nehme ich ihm dieses Erstaunen nicht ab. So grenzenlos naiv und unverständig kann Christoph Hein, der ein sehr intelligenter, kluger Mann ist, nicht gewesen sein. Ich finde diesen Satz extrem unglaubwürdig.

Ob Henckel von Donnersmarck tatsächlich davon gesprochen hat, dass er Hein „unsäglich dankbar“ ist, kann niemand entscheiden. Entweder hat sich Hein diese sprachlich missglückte Ausdrucksweise ausgedacht, oder wenn Henckel von Donnersmarck es so gesagt haben sollte, verstehe ich nicht, warum er diesen offenbaren Versprecher gleich zweimal herausstellt. Es soll wohl heißen: der Regisseur, der es nicht einmal wert ist, dass ich ihn beim Namen nenne, ist eben nicht nur ein sehr großer, sehr junger Westdeutscher – er kann auch noch nicht einmal richtig Deutsch. Mit so einem ungebildeten, unkultivierten Kerl hatte ich, der geniale, unfehlbare Christoph Hein, auf dessen Lebensverfilmung die Welt wartete, es zu tun.

Ganz schlechter Stil, werter Christoph Hein. Ich wundere mich, dass Sie so etwas nötig haben!

Wenn Christoph Hein allerdings davon spricht, dass er vermeidet, Äußerungen von Henckel von Donnersmarck als Lüge zu bezeichnen, weil es neben der Wahrheit auch noch die melodramatische Wahrheit und „alternative Fakten“ gebe, so ist das kein schlechter Stil mehr, es ist infam. Und es fällt auf den Autor Christoph Hein zurück, der zwar behauptet, dass er seinen Namen aus dem Vorspann des Films löschen ließ, der aber jetzt eingestehen musste, dass das nicht stimmt. Diesen Vorspann gab es nie, und im Nachspann ist Christoph Hein als historischer Berater bis heute genannt, zusammen mit vielen weiteren Namen von Personen, mit denen der Regisseur in diesem Zusammenhang ebenso wie mit Hein sprach. Und auch der Dialog zwischen Autor und Regisseur selbst fand zu einem Zeitpunkt statt, als das Filmprojekt schon sehr weit fortgeschritten war. Eine “Kleinigkeit”, die Hein ebenfalls verschweigt.

Ob man den Text Heins daher als Wahrheit, melodramatische Wahrheit oder „alternatives Faktum“ bezeichnen will, ist jedem Leser selbst überlassen. Ich habe mir meine Meinung dazu auf der Basis der Fakten und von Heins Text gebildet.

Christoph Hein schätze ich als Autor nach wie vor, ein Autor allerdings der in diesem Fall jegliche intellektuelle Redlichkeit vermissen lässt; der Mensch Christoph Hein ist mir nach diesem Artikel deutlich unsympathischer geworden. 

© Thomas Hübner and Mytwostotinki, 2014-9. Unauthorized use and/or duplication of this material without expressed and written permission from this blog’s author and/or owner is strictly prohibited. Excerpts and links may be used, provided that full and clear credit is given to Thomas Hübner and Mytwostotinki with appropriate and specific direction to the original content.

More, more, more

More money, more consumption, more happiness – the trinity of our so-called modern life. And in this utilitarian world, “happiness” seems to be the highest good, the one final goal that all of us should aspire to achieve. It is for a reason that “the pursuit of happiness” is mentioned in a prominent place in the American Declaration of Independence, and that Jeremy Bentham’s phrase “the greatest happiness of the greatest number – that is the measure of right and wrong” is one of the major pillars of the predominant political philosophy of our times. What’s left for all those who are not able or willing to subscribe to the fetish “happiness”: prozac, psychotherapy, or the final exit. Or, possibly, the utopia of a life that is not happy, but meaningful.

© Thomas Hübner and mytwostotinki.com, 2014-8. Unauthorized use and/or duplication of this material without expressed and written permission from this blog’s author and/or owner is strictly prohibited. Excerpts and links may be used, provided that full and clear credit is given to Thomas Hübner and mytwostotinki.com with appropriate and specific direction to the original content.

How official Bulgaria is (not) promoting its literature abroad

The second year in a row, I tried to get a copy of the actual edition of the “Catalogue of Contemporary Bulgarian Prose” – and the second time in a row, I failed.

But I am sure, it is much more efficient for the promotion of Bulgarian literature abroad to display a huge number of copies of this almanach – that was especially produced to serve the interest of those abroad who want to publish/promote Bulgarian authors in foreign languages – in “Peroto”, the book cafe in the National Palace of Culture in Sofia, than to hand out one copy to someone who belongs to the target group and makes an effort to get some Bulgarian authors published abroad.

This experience is completely in line with the bleak picture of how official Bulgaria – i.e. the state institution responsible for it – is (not) promoting its literature abroad.

And since I am at it: why was Bulgaria not officially represented in Leipzig, the book fair that is focused on Eastern Europe? Why is the Bulgarian booth in Frankfurt so poor and unprofessional? It is a pity, because these failed efforts are not reflecting what Bulgarian literature has to offer. With the same budget, with an attitude that is a little bit less arrogant, and with a little bit more professionalism it would be easy to achieve something much more effective and sustainable. It’s Bulgarian authors who suffer most from the present situation, and also potentially interested readers abroad.  

© Thomas Hübner and mytwostotinki.com, 2014-8. Unauthorized use and/or duplication of this material without expressed and written permission from this blog’s author and/or owner is strictly prohibited. Excerpts and links may be used, provided that full and clear credit is given to Thomas Hübner and mytwostotinki.com with appropriate and specific direction to the original content.

 


Пациентът България

Всеки, който последва политическа дискусия в социалните медии в тази страна, разбира че пациентът България е много болен.

© Thomas Hübner and mytwostotinki.com, 2014-8. Unauthorized use and/or duplication of this material without expressed and written permission from this blog’s author and/or owner is strictly prohibited. Excerpts and links may be used, provided that full and clear credit is given to Thomas Hübner and mytwostotinki.com with appropriate and specific direction to the original content.

 


A menetekel

One of the key messages of Alexander Solzhenitsyn’s “Two Hundred Years Together” is that the October Revolution, Bolshevism, and communist ideology in general are essentially Jewish “projects.” The intelligence apparatus, the systematic murder of regime opponents, the creation of the Gulag system in which millions of people were enslaved and murdered: it is mainly the Jews who are to blame. (He does not say it so flatly, but in the end this is what really matters to him). So whoever today is an anti-Semite, one could conclude by implication, only proves his anti-communism convincingly. And if there were acts of violence against Jews in Eastern Europe apart from the Nazi crimes, it was self-defense or revenge for communist injustice suffered, and in fact they meant only the Jewish political commissars … – this is how for example Paul Goma justifies today the murder of the Jews, committed by Romanians during WWII. And in Bulgaria, too, this form of anti-Semitism is a daily affair among staunch anti-communists. The more so today, where openly anti-Semitic political parties are in the government.

Therefore, when the Bulgarian writer Theodora Dimova publishes a strangely conspiratorial text in the otherwise respectable portal “Kultura”, a text that ostensibly commemorates the anniversary of the bombing of Sofia’s Sv. Nedelja Church in 1925, while emphasizing at the same time the struggle of the Bolsheviks against the Christian religion (which in the context of this terrorist act represents a falsification of history, since its motivation was quite different), this may at first sight seem a little outlandish. But the author, who often refers to “Christian values” in her public statements and laments the lack of a “spiritual elite” in Bulgaria, may be having in mind the approaching Orthodox Easter celebrations that coincide with the Jewish Passover feast this year?

What follows is a long-winded series of biblical quotations and hermeneutical remarks, all of which point to the continuity of the hatred of the enemies of Christ and Christianity – then as now: the Jews, as many readers who understand Dimova’s wink will surely say. They murdered Christ and they are behind Bolshevism, the ideology of the Anti-Christ. Dimova is too clever, she does not mention the Protocols of the Elders of Zion. But the Jewish Passover feast and the invention of Jews abducting and slaughtering Christian children to drink their blood are well known to most Bulgarians, and the timing of the publication is obviously no coincidence. The Blood Libel, a ritual murder legend is believed by many people in Eastern Europe until today or at least found to be “interesting”. And there are also openly violent-pornographic anti-Semitic works, from Adolf Hitler to Henry Ford and Fred Leuchter, prominently placed and advertised in almost every bookstore in Bulgaria and sold by the tens of thousands. In such an environment, it is no longer necessary to be more explicit. Almost anyone who wants to understand the subtext understands it. One mentions the religious hostility of the (Jewish) Bolsheviks against Christianity, one speaks long and widely about the (Jewish) Christ murderers, quotes from biblical sources (thus unsuspiciously), and publishes everything a few days before Passover, the period when Jews are according to the Blood Libel looking for Christian children to sacrifice . The context is unambiguous: “We understand”.

Of course, all this is not conclusive proof of an intention. But the subtext is there. And the author is not naïve. However, anyone who babbles about “Christian values” and “spiritual elite” and then uses anti-Semitic clichés, only shows that he / she stands neither for these values, nor belongs to a spiritual elite, but to a dull mass of eternal-yesterday people.

The dilemma of the democratic right wing and conservatism in Bulgaria is that apart from militant verbal anti-communism, they have nothing to offer. There are no real values that they stand for and the ideology that they are shouting about and whose monuments they want to dispose of, is already dead (its enterprising heirs though are alive and kicking). There is a lack of a unifying, positive thought, a social vision. Moreover, there is no delimitation from the enemies of a democratic and pluralistic community from the extreme right. The tsarist and fascist dictatorship before the Communist takeover are being glorified, the main responsible for the murder of more than 11,000 Jews is counter-factually declared the “savior of the Bulgarian Jews”, General Lukov, a particularly close friend of the Gestapo and head of the Bulgarian legions is whitewashed into a hero and brave anticommunist, surviving members of these organizations who participated in crimes against humanity, are portrayed as great democrats and true patriots and given every podium (including the European Parliament) to spread their fake version of history to the applause of many Bulgarian intellectuals. The terrorist and anti-Semitic VMRO is today, only slightly revamped, a ruling party in Bulgaria. And so it goes on – the media and history books are now being “adapted” accordingly.

Today, Bulgaria is even further away than ever from making progress on the way to an open society. On the contrary, we are experiencing today the almost complete collapse of any intellectual honesty and decency. Bulgaria’s misery is not primarily due to the existence of corruption and organized crime, but to the indolence, cynicism and moral failure of a large part of the Bulgarian intelligentsia. The intellectually completely irrelevant article by T. Dimova is a menetekel.

28008677

Alexander Solschenizyn: Two Hundred Years Together, Herbig 2015 

© Thomas Hübner and mytwostotinki.com, 2014-8. Unauthorized use and/or duplication of this material without expressed and written permission from this blog’s author and/or owner is strictly prohibited. Excerpts and links may be used, provided that full and clear credit is given to Thomas Hübner and mytwostotinki.com with appropriate and specific direction to the original content.