Einige Anmerkungen zur neuen bulgarischen Celan-Ausgabe

Nachdem zwei frühere Auswahlbände mit Gedichten von Paul Celan aus den Jahren 1998 und 2002 längst vergriffen sind, ist es ein erfreuliches Ereignis, dass Ende 2019 erneut ein Band mit ausgewählten Gedichten Celans in bulgarischer Übersetzung vorliegt. Grund genug für mich, mir diese Ausgabe anzuschaffen. Ein paar Gedanken zu diesem Buch:

Zunächst einige Äußerlichkeiten, die mir allerdings bei einem Werk gerade eines mir so kostbaren Autors wie Celan wichtig sind. Der vorliegende Band ist handwerklich offenbar gut gemacht und hat eine ansprechende Einbandgestaltung (unter Verwendung eines Gemäldes des Dichters Roman Kissiov). Sehr erfreulich ist die Tatsache, dass es sich um eine zweisprachige Ausgabe handelt; der des Deutschen kundige Leser kann hier jeweils direkt das Original und die Übersetzung, die sich im Druckbild gegenüberstehen, miteinander vergleichen. Für die Entscheidung, die Gedichte auch im deutschen Original zu bringen, ist der Verlag sehr zu loben. Ich würde mir derartige zweisprachige Ausgaben auch in anderen vergleichbaren Fällen wünschen.

Auch die Auswahl der in den Band aufgenommenen Gedichte erscheint mir im allgemeinen gelungen; es versteht sich von selbst, dass jeder Celan-Leser seine Lieblingsgedichte hat, die er gerne in einem solchen Band sehen möchte. Und es versteht sich ebenfalls von selbst, dass jede Auswahl subjektiv ist und daher auch der neue Band ein paar aus meiner Sicht bedauerliche Lücken hat. Vor allem das Fehlen des Gedichts „Todtnauberg“, das auf Celans sehr wichtige Begegnung mit Martin Heidegger anspielt und in seinem Werk eine Schlüsselstellung einnimmt, erscheint mir allerdings als ein wirkliches Manko. Ein grosses Plus wiederum ist die Tatsache, dass Celans einzige längere programmatische Äußerung zu seiner eigenen Lyrik, die „Meridian“-Rede, die er 1960 in Darmstadt anlässlich der Verleihung des Georg-Büchner-Preises hielt, in den Band aufgenommen wurde.

Celan ist für jeden Übersetzer, der sich an seinem Werk versucht, eine Herausforderung. Er ist aus verschiedenen Gründen schwer zu übersetzen bzw. nachzudichten. Das gilt besonders für seine späten Gedichte, in denen die Syntax und die Sprache allgemein immer stärker „aufgebrochen“ wird und die bei Celan ohnehin vorhandene Tendenz zu grosser Ambiguität hinsichtlich der Aussage und des Inhalts der Gedichte oft so weit getrieben wird, dass der Leser vor großen Herausforderungen steht. Dass die Übersetzerin Maria Slavcheva sich trotzdem an das Werk dieses sehr komplexen Dichters gewagt hat, verrät Mut und eine gute Portion Selbstbewusstsein.

Literarisches Übersetzen, zumal von Lyrik, erfordert vom Übersetzer viele zum Teil schwierige Entscheidungen zu treffen. Bei der Besprechung der Übersetzung eines Lyrikbandes sollte es daher auch darum gehen, ob die vom Übersetzer getroffenen Entscheidungen in der Regel plausibel oder nicht plausibel sind. (Es gibt hier oft kein klares „richtig oder falsch“; von groben sinnentstellenden Fehlern einmal abgesehen.) Mein persönliches Urteil ist hier überwiegend positiv: in vielen der übersetzten Gedichte trifft die Übersetzerin den Sinngehalt und auch die Form, die Celans Original vorweist. Einige kritische Anmerkungen sollen allerdings an dieser Stelle nicht verschwiegen werden.

Celans wohl berühmtestes Gedicht „Todesfuge“ ist wahrscheinlich auch sein am häufigsten übersetztes. Auf bulgarisch kenne ich ein halbes Dutzend verschiedene Übersetzungen dieses Gedichts, von denen mir die Version von Emanuil Vidinski als die mit Abstand gelungenste erscheint. Im Original finden sich diese Zeilen:

„… der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau / er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau…“

Die Tatsache, dass Celan hier – aber eben auch nur hier – einen Endreim in diesem Gedicht verwendet, deutet auf die geradezu zentrale Rolle dieser beiden Zeilen im Gedicht hin. Der Endreim ist kein Zufall – wie ja auch sonst nichts in den Gedichten Celans Zufall ist.

In der vorliegenden Ausgabe werden diese Zeilen wie folgt übersetzt:

“…смъртта е майстор от Германия със сини очи / той те улучва с оловен куршум улучва те точно…”

Im Vergleich dazu heißt es bei Vidinski:

„…смъртта е германски маестро окото му е синьо / улучва те с оловен куршум улучва те точно…“

Die zweite Variante ist sowohl sprachlich näher beim Original, als auch hinsichtlich Reim und Rhythmus des Gedichts eindeutig vorzuziehen.

Neben einigen weiteren für mich schwer nachvollziehbaren Entscheidungen gerade bei diesem Gedicht, hat die Übersetzerin unglücklicherweise einen meiner Meinung nach ausgesprochen schweren Lapsus in der bulgarischen Fassung der „Todesfuge“ begangen, der durchaus in den Sinngehalt des Gedichts eingreift und welcher Leser, die mit Celan und seiner Geisteswelt nicht oder wenig vertraut sind, auf eine vollkommen falsche Spur führt.

Wenn Celan in dem Gedicht

„dein goldenes Haar Margarete / dein aschenes Haar Sulamith“

schreibt, evoziert er damit eben nicht nur irgendeine blonde (deutsche) Margarete und irgendeine (jüdische) Sulamith mit aschfarbenem Haar, sondern er spielt natürlich auf Margarete aus Goethes „Faust“ und Sulamith aus dem Hohen Lied Salomos an, zwei emblematische Dichtungen für das deutsche und das jüdische Volk – wie ja überhaupt, das Deutsche und das Jüdische bei diesem Dichter geradezu schicksalhaft miteinander verwoben waren.

Celan, der die Möglichkeiten deutscher Dichtung nach dem Holocaust erneuert und erweitert hat wie kein Zweiter, beherrschte die deutsche Sprache virtuos; zu den Schuldgefühlen, die er wegen des Todes seiner Eltern hatte, gesellten sich gerade deshalb die Schuldgefühle, in der Sprache der Mörder seiner Eltern zu dichten und seine meisten Leser im Land der Täter zu haben. Wenn die Übersetzerin in ihrer Fassung aus Margarete eine Margarita macht (твоята златна коса Маргарита / твоята пепелива коса Суламит), verfälscht sie die Aussage des Gedichts vollkommen; der Leser wird vielleicht an Bulgakov denken, aber mit der offensichtlichen Autorintention von Celan hat das absolut nichts zu tun. Ein wirklich unnötiger und sehr schwerer Fehler in meinen Augen (den auch Tekla Sugareva und Edvin Sugarev in ihrer Version seinerzeit gemacht haben), der die Vermutung nahelegt, dass die Übersetzerin wohl mit den Hintergründen von Celans Dichtung verhältnismäßig wenig vertraut ist.

Gestolpert bin auch über eine Fußnote zu einem der zentralen Gedichte Celans, „Mandorla“. In der Fußnote erfährt der Leser, dass Mandorla die „mandelförmige Aureole, die in der christlichen Ikonographie verwendet wird“ sei. Zwar ist es zutreffend, dass der Heiligenschein christlicher Heiligenbilder als Mandorla bezeichnet wird; trotzdem ist die Fußnote irreführend, da eben nicht nur in der christlichen Ikonographie eine solches mandelförmiges Halo verwendet wird. Es findet sich unter anderem auch im Buddhismus und – für Celan sicher sehr wichtig – in der Kabbala, der jüdischen Mystik.

Das Gedicht „Mandorla“ gehört wohl zu den am schwersten zu deutenden Gedichten Celans und ich will mich hier keineswegs an einer weiteren Deutung versuchen. Eine Anmerkung, die den Eindruck erweckt als habe sich Celan hier eindeutig auf die christliche Ikonographie bezogen, führt den Leser aber in die Irre. Eine solche Eindeutigkeit ist der Dichtung Celans wesensfremd; darauf hat zu Recht Hermann Detering in seinem Aufsatz „Religionsgeschichtliche Anmerkungen zu Paul Celans Gedicht „Mandorla““ hingewiesen – aus dem Gedicht selbst lässt sich die in der Fußnote der Buchausgabe suggerierte Eindeutigkeit keineswegs ableiten. Anmerkungen sollen dem Verständnis des Lesers dienen; die hier angesprochene Fußnote tut dies nicht, sie führt im Gegenteil den Leser zu einer abwegigen und verengenden Lektüre des Gedichts.

Überhaupt, die Fußnoten. Nach meinem Eindruck sind sie manchmal überflüssig, an anderen Stellen, wo sie auf bestimmte Bezüge von Celans Dichtung erklärend hinweisen könnten, die den meisten bulgarischen Lesern nicht geläufig sind, fehlen sie. Dazu ein Beispiel aus dem Nachwort des Bandes, das wie folgt beginnt:

„Jedem Text bleibt sein „20. Jänner“ eingeschrieben. Wenn auch an einem 23. April begonnen trägt auch diese Übersetzung einen „20. Jänner“ in sich, von dem Celan sich herschrieb.“

In einer Fußnote erläutert die Übersetzerin, dass der 23. April der Welttag des Buches sei. Inwieweit dies für das Verständnis von Celan bzw. für den Leser von Interesse ist, ist mir schleierhaft. Viel wichtiger wäre eine Anmerkung gewesen, die den Bezug zu der Behauptung der Übersetzerin erläutert, dass sich Celan von einem „20. Jänner herschrieb“. Ich vermute stark, dass den bulgarischen Lesern in der Regel vollkommen unverständlich ist, was es mit diesem 20. Jänner im Zusammenhang mit Celans Dichtung auf sich hat. Zwar steht als Motto über dem Nachwort ein Zitat aus Celans Meridian-Rede in der er fragt

„Vielleicht darf man sagen, dass jedem Gedicht sein „20. Jänner“ eingeschrieben bleibt?“,

allerdings ist dies nicht dasselbe wie die Behauptung, Celan habe sich „von einem „20. Jänner“ hergeschrieben“.

Was also hat es mit diesem 20. Jänner auf sich (Celan verwendet sowohl in der Meridian-Rede als auch im Gedicht „Tübingen, Jänner“ diese eher ungewöhnliche regionaltypische Form des Monatsnamens Januar, was allein schon ein deutlicher Hinweis ist)? Eine Fußnote hätte hier deutlich mehr Nutzen gestiftet als das später im Nachwort folgende Namedropping – Szondi, Gadamer, Derrida, Hamburger (die Hinweise auf Ingeborg Bachmann und Bertolt Brecht sind dagegen angebracht, da es einen konkreten Bezug von im Band abgedruckten Gedichten gibt).

Dass der „20. Jänner“ sich auf den Anfang von Georg Büchners Erzählung „Lenz“ bezieht – wie viele bulgarische Leser wissen das? Und dass das Gedicht „Tübingen, Jänner“ auch darauf anspielt (Hölderlin war ein interessierter Leser von Lenz und erlebte ähnliche lebensgeschichtlich bedeutsame Enttäuschungen mit den Weimarer Titanen Schiller und Goethe) und dies ebenso wie die programmatische Rede Celans als Auseinandersetzung mit den Klassikern der deutschen Dichtung und als Gegenposition zu deren Dichtungsverständnis gesehen werden muss, gegen das sich die Lenz, Hölderlin, Büchner gewandt haben – auch dies hätte man gerne in einem solchen Nachwort, das leider sehr an der Oberfläche bleibt, gelesen.

Mein Urteil über diese Ausgabe ist – daran möchte trotz der oben angeführten Kritik keinen Zweifel lassen – insgesamt eher positiv. Eine überwiegend respektable Übersetzerleistung, die aber nicht in jedem Gedicht das hohe Niveau hält. Das Beiwerk (Fußnoten und Nachwort) finde ich fast ein wenig ärgerlich. Eine Ausgabe, die ganz darauf verzichtet hätte, wäre aus meiner Sicht vorzuziehen gewesen.

Wie ich gehört habe, soll eine weitere bulgarische Celan-Ausgabe in Vorbereitung sein. Eine gute Nachricht, denn ein solch anspruchsvoller und wichtiger Dichter sollte noch mehr Aufmerksamkeit beim Lesepublikum finden; und der Vergleich der verschiedenen Übersetzungen wird sicherlich zu weiteren interessanten Diskussionen führen. Ich bin jedenfalls gespannt.

Паул Целан: Избрани стихотворения, Gutenberg, Veliko Tarnovo 2019 (Übersetzerin Maria Slavcheva)

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Fundstück (6)

Ernst Jünger backt nicht gern kleine Brötchen. Auch dann nicht, wenn es um Hasch-Kekse geht. Oder um LSD. Darauf trinkt er gern noch eine Flasche Rotwein. Wie jeden Abend.

Christophe Fricker: Eine gute Zeit für Drogen. Wiederbegegnung mit Ernst Jüngers “Annäherungen”

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Blog Statistics 2019

A new year has started, and the first blog post after a vacation looks back briefly on 2019 in statistical terms.

Last year this blog has been visited 2552 times (compared to 4235 in 2018). The blog had 1684 unique visitors (3285 in 2018).

The visitors came from 85 different countries. Most of them are from the USA, Bulgaria, Jordan, Germany and the United Kingdom (last year: USA, Germany, Bulgaria, the United Kingdom and Moldova).

I published 26 blog posts (2018: 49). Most viewed posts in 2019 were “18% Brown: the downfall of a Bulgarian intellectual”, “18% Brown: the downfall of a Bulgarian intellectual(2)”, and “18% Braun: Vom Fall eines bulgarischen Intellektuellen” (as compared to “The Devil within”, “Tschick or Why We Took the Car”, and “The Bleeding of the Stones”  in 2018.).

The original languages of books mentioned or reviewed last year on the blog: German 42(75), English 16(16), Russian 5(1), Arabic 4(0), Bulgarian 3(50), French 3(2), Albanian 2(0), Italian 2(0), Hebrew 1(0), Polish 1(0), Portuguese 1(0), Serbian 1(1) and Spanish 1(0).  

The blog had at the end of the year 2019 1202 followers on Twitter (1221) and 902 on Facebook (797).

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Fundstück (5)

Wie glücklich bin ich, daß ich in mir nichts Achtens- und Sehenswertes zu erblicken vermag! Klein sein und bleiben. Und höbe und trüge mich eine Hand, ein Umstand, eine Welle bis hinauf, wo Macht und Einfluß gebieten, ich würde die Verhältnisse, die mich bevorzugten, zerschlagen, und mich selber würde ich hinabwerfen ins niedrige, nichtssagende Dunkel. Ich kann nur in den untern Regionen atmen.

Robert Walser, Jakob von Gunten

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Fundstück (4)

“Ich dachte lange an den Magister Tinius, den Bücherverfallenen, der mit seinem Hammer durch die öden Heiden des Fläming schlich: wenn Andere das Geld haben, und er braucht doch die Bücher?!”

Arno Schmidt: Das steinerne Herz

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I was a German

The plays by Ernst Toller are occasionally still performed on stage, his poetry, however, is little read today. In the years after the end of WWI he was a celebrity and not just for literary reasons. The best-known book by him today is his autobiographical I was a German (Eine Jugend in Deutschland), which I discuss here. It was originally published in 1933 by Querido, one of the most important publishing houses for exiled German authors; one year later an English-language edition was printed by Paragon in New York.

Toller was born in 1893 in Samochin (today Samoczin), a small town north of Poznan, which belongs since 1921 to Poland. This region was characterized by a centuries-long coexistence of Germans, Poles and Jews. At the time of Toller’s birth, the city was already marked by a strong antagonism between mostly Protestant Germans and Catholic Poles; the Jews in the region were predominantly pro-German and usually identified very strongly with Prussia and with German culture. In the description of his childhood, Toller mentions that even as a child he was aware of this division of local society – the Poles were usually very poor and often did the physically hardest work. Among the Polish boys of his age, he had only one friend; he writes how he often had lunch at the family of this friend, where he noticed the poor diet; nevertheless the big family always shared without hesitation the little they had with an additional eater. This early experience of class differences and correspondingly divergent life perspectives should later become very important for Toller.

Toller, who showed already in school literary and poetic talent, was interested in French culture at an early age, an interest that was also reinforced by a French exchange teacher whom most other teachers at his school suspected of being a French spy, without reason as we can assume.

Despite the early death of his father Toller could complete his school education and he started to study in France, shortly before the beginning of WWI. However, he took little interest in attending lessons and spent most of his time in the circle of other German-speaking students. If you want to get an idea of ​​what an average student life of a foreigner at a French university looked like before the First World War, you will read the corresponding chapter with great interest. Particularly interesting is the description of rising tensions immediately before the outbreak of war, the strange atmosphere in which the majority of Germans in France considered a war to be very unlikely.

If one speaks of a key experience for Toller, one which shaped his future life and work, this was undoubtedly WWI, more precisely, the trench warfare on the Western Front in France. Like many others, Toller volunteered with some enthusiasm and optimism, but the terrible experiences in the trenches changed his attitude very quickly. He describes as particularly repugnant the inhumane propaganda of the domestic media, which denies the French enemy any humanity; At the same time he sees this as an insult and a degradation of the German frontline soldiers, who share the same experiences in the trenches with their French counterparts. One day, when repairing a ditch, he stumbles upon the remains of a human body, of which he does not know whether he was once a Frenchman or a German; and it does not really matter. The remains belong in any case to a man whose life was ended much too early by a war that Toller now finds pointless and completely wrong. Toller, who slowly admits his opposition to the war, wants to get away from the trenches and volunteers for the Air Force. Finally, a serious illness leads to his dismissal as unfit for military service and he can resume his university studies.

At the university, he encounters war cripples, a surprisingly big number of female students and professors, who are torn between national chauvinism and skepticism. By now most people realize that Germany can not win the war; the nutrition situation is getting from bad to worse. Turnip becomes a major food source. In this slowly changing atmosphere, a large conference organized by leading scientists and intellectuals, is held at Lauenstein Castle; Toller takes part in this event alongside many other students, but also professors, intellectuals, poets and supporters of the Lebensreform movement. The participants discuss their vision of Germany’s future. It quickly becomes clear that the restorative forces have the upper hand in this event. Romantic and backward-looking ideas of state far from a democratic society are preferred by the majority of participants; a real signal of departure for which Toller is waiting, is not coming. Toller is severely disappointed, but receives encouragement by the famous sociologist and economist Max Weber and the poet Richard Dehmel, who seek a real change in Germany and work towards the abolition of the authoritarian state and the monarchy.

The same period sees also an increased productivity of the author Toller and meetings with prominent colleagues, such as Rilke or Thomas Mann. Mann invites the by then almost unknown Toller to his home and is helping him editing texts. He is also providing valuable advice for his writing, something very encouraging for Toller. He mentions it in his autobiographical book with great gratitude.

Toller is tired of talking and wants to see actions that are geared towards ending the war. He joins the war opponent Kurt Eisner, who is trying to organize a strike of workers in the armaments industry. Toller is briefly arrested and locked up in a lunatic asylum.

The end of the war finally comes in November 1918. The sailors in Kiel and other port cities mutiny and refuse to follow orders, within a short time large parts of the army join, the emperor flees, the whole system is collapsing, the war is over. In this confusion Kurt Eisner proclaims in Munich the People’s State of Bavaria, a socialist Republic, supported by the leftist Independent Socialists (USPD), and the anarchists, who are traditionally very strong in the Bavarian capital. (The Communists refuse to join the revolution!) Eisner is elected Prime Minister, Toller is his right-hand man.

What follows in the next few weeks, is one of the most turbulent episodes of German history of the 20th century. While the government led by Social Democrats in Berlin enters into a pact with right-wing Freikorps to forcefully overthrow the Bavarian government in Munich, the writers, bohemians and anarchists (including the Freigeld theorist Silvio Gesell) prove to be largely ineffective to form an orderly cabinet. One example: the first action of one of the newly appointed ministers is to send telegrams to the Pope and Lenin, in which he complains that his predecessor has taken the toilet key! The good man is later transferred from his office to the care of a psychiatric clinic.

In the meantime, the Communists are also trying to come to power by overthrowing the Eisner government. In this confusion Kurt Eisner is assassinated by a far-right extremist and anti-Semite, Graf Arco. Toller becomes Head of State of the People’s State of Bavaria for a few days. He is 25 years old by now. The Communists, led by the Russian Eugen Leviné, seize power after a coup d’état and proclaim the Bavarian Soviet Republic. In the meantime, the Freikorps units – some of them already using the Swastika – march towards Munich. Toller tries everything to prevent a bloodbath on a large scale, which would be the result if it would come to battles between the Bavarian Red Army and the Freikorps.

It is known from history books that the revolutionary Munich episode was crushed with extreme brutality. Hundreds, if not thousands, of unarmed supporters of the left parties were shot on the streets of Muncih or simply beaten to death when the Freikorps marched in. Even today, 100 years later, it is hardly bearable to read Toller’s account of the murder of the pacifist Jewish writer Gustav Landauer, who was in police custody; In other cases, prisoners were “shot while fleeing”; a Munich publisher later boasted how he “shot down captive revolutionaries like rabbits”. Many of those who excel in murders later reappear under the banner of the Nazis.

Toller is able to hide for a while during these days with the help of friends. He is wanted for “high treason”. For a while he finds shelter with the actress Tilla Durieux (in the book her name is not mentioned; Toller only calls her “my friend” to protect her from persecution and slanderous allegations); Rilke also offers his help. In the apartment of a couple that hid him at great risk for themselves, he is finally caught. The Freikorps soldiers decide to murder him on the street together with several other prisoners, but in the last moment an “official” policeman prevents the worst.

The last part of Toller’s autobiographical book describes his time in various Bavarian prisons. He rejects a personal amnesty from the Bavarian government in 1920, as long as even one of his fellow revolutionaries was exempt from the amnesty. A defining characteristic of the Weimar Republic’s judiciary was that it often allowed violent offenders from the right-wing milieu to go unpunished, even for murders, whereas socialists or communists often received the most severe punishments for minor offenses. A fact that the statistician Emil Josef Gumbel has also clearly proven in his publications. The anarchist Erich Mühsam for example received a ten-year prison sentence, although, according to today’s legal understanding, he had not committed any criminal offense, while the putschist Hitler, on the other hand, received a minimal sentence, which he had quickly served in privileged conditions. It is no coincidence that Toller’s first depressive relapses fall into this period. He committed suicide in a New York hotel in 1940.

I was a German is still an astonishingly fresh confession of a man who became a fighter against war and for social justice as a result of personal experiences and inspiring meetings with some remarkable personalities. An important book, worth reading!


Ernst Toller: I was a German, Paragon (Tr. Edward Crankshank); Eine Jugend in Deutschland, Rowohlt

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My Book Year 2019

The year 2019 is almost over and it is time to look back at my reading and blogging experiences.

After a hiatus, I started again to blog more or less regularly and I hope this will be also the case for 2020.

As for my reading, I didn’t keep a diary to track down the books I read this year, but the number is approximately 130, so roughly two and a half books per week, of which around 60% were fiction, 40% non-fiction. Almost all books I read were “real” printed books, only one book was read electronically. I read books in four languages (German, English, French, Bulgarian).

Every book year brings interesting discoveries, pleasant surprises, some re-reads of books I enjoyed in the past, and a few disappointments. Here are my highlights of the last year:

The most beautiful book I read in 2019: Arnulf Conradi, Zen und die Kunst der Vogelbeobachtung (Zen and the Art of Birdwatching)

Best re-reads in 2019: Michel de Montaigne, Essais; Karl Philipp Moritz, Anton Reiser; Salomon Maimon, Lebensgeschichte (Autobiography)

Best novels I read in 2019: Marlen Haushofer, Die Wand (The Wall); Uwe Johnson, Jahrestage (Anniversaries); Jean Rhys, Sargasso Sea

Best poetry books I read in 2019: Thomas Brasch: Die nennen das Schrei (Collected Poems); Johannes Bobrowski, Gesammelte Gedichte (Collected Poems), Franz Hodjak, Siebenbürgische Sprechübung (Transylvanian Speaking Exercise); Yehuda Amichai, The Poetry of Yehuda Amichai; Anise Koltz, Sich der Stille hingeben (Surrender to the Silence); Mahmoud Darwish, Unfortunately It Was Paradise; Vladimir Sabourin, Останките на Троцки (Trotzky’s Remains); Rainer René Mueller, geschriebes, selbst mit stein

Best Graphic Novel I read in 2019: Art Spiegelman, Maus

Best SF novel I read in 2019: Arkady and Boris Strugatsky, The Doomed City

Best crime novel I read in 2019: Ingrid Noll, Halali

Best philosophy book I read in 2019: Ibn Tufail, The Improvement of Human Reason

Best non-fiction books I read in 2019: Charles King, The Moldovans; Charles King, Midnight at the Pera Palace; Timothy Snyder, The Road to Unfreedom; Adriano Sofri, Kafkas elektrische Straßenbahn (Kafkas Electric Streetcar); Rebecca Solnit, A Field Guide to Getting Lost; Lucy Inglis, Milk of Paradise; Adina Hoffman and Peter Cole, Sacred Trash; Sasha Abramsky, The House of Twenty Thousand Books

Best art book I read in 2019: Hans Belting, Der Blick hinter Duchamps Tür (The View behind Duchamp’s Door)

Best travel book I read in 2019: Johann Gottfried Seume, Spaziergang nach Syrakus (Walk to Syracuse)

Biggest book disappointment in 2019: Elena Ferrante, Neapolitan Novels

Favourite book cover in 2019: Ivo Rafailov’s cover for the Bulgarian edition of Marjana Gaponenko’s Who Is Martha? (this edition is upcoming in January 2020)

Most impressive translator’s work: Jennifer Croft’s translation of Flights by Olga Tokarczuk; Vladimir Sabourin’s translations in his Bulgarian poetry anthology Радост на Началото (The Joy of the Beginning)

Most embarrassing authors in 2019: Peter Handke; Christoph Hein; Zachary Karabashliev

Good as always: Vladimir Sorokin, The Blizzard; Clarice Lispector, Near to the Wild Heart; Ismail Kadare, The Traitor’s Niche; Jabbour Douaihy, Printed in Beirut; Georg Klein, Die Zukunft des Mars (The Future of the Mars); Phillipe Claudel, Le rapport de Brodeck (Brodeck), Kapka Kassabova, Border; Naguib Mahfouz, The Midaq Alley

Interesting Authors I discovered in 2019: Samanta Schweblin, Mouthful of Birds; Olga Tokarczuk, Flights; Isabel Fargo Cole, Die Grüne Grenze (The Green Border); Hartmut Lange, Das Haus in der Dorotheenstraße (The House in the Dorotheenstraße); Erich Hackl, Abschied von Sidonie (Farewell to Sidonia)

And which were your most remarkable books in 2019?

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Selbstkommodifizierung von Autoren

Auch in der Literatur hat sich in den letzten Jahrzehnten so etwas wie Commodification ausgebreitet. Bestimmten Autoren ist es gelungen, so etwas wie ein Markenartikel zu werden. Ein charakteristisches Beispiel dafür ist Ernest Hemingway, und in einer Besprechung eines seiner Romane habe ich darüber auch kurz geschrieben. Ein Autor, von dem alle ein bestimmtes Bild im Kopf haben, dass sich gewissermaßen von seinem literarischen Werk abgekoppelt hat und dieses häufig komplett ersetzt hat. Es soll Leute geben, die Hemingway als Lieblingsautor angeben, auch wenn sie noch nie ein Buch von ihm gelesen haben. (Mancher wäre unangenehm überrascht, wie schlecht und schwer erträglich manches von Hemingway ist, würde er ihn denn lesen.)

Dazu kommt, dass der Autor/in, der/die häufig in den Medien erscheint, in aller Munde ist und dadurch auch zum beliebten Gesprächsthema sich als gebildet betrachtender Menschen bei Cocktailpartys und dergleichen Gelegenheiten wird. Dabei ist es gar nicht unbedingt notwendig, herausragende Werke zu verfassen, entscheidend ist das soziale Interesse der Konsumenten.

Ein Autor, der das ganz ausgezeichnet verstanden hat, ist Peter Handke. Schon bei seinem allerersten Auftreten in den 1960er Jahren provozierte er das gesamte literarische Establishment der Gruppe 47; später kam dann seine Publikumsbeschimpfung dazu, in der er das Theaterpublikum auf ähnliche Weise provozierte. Die Leute finden das natürlich unterhaltsam und man kann sich je nach Naturell auch wunderbar darüber aufregen. Beides ist gut für den Autor in unserer heutigen Aufmerksamkeitsökonomie. Und egal, welchen Skandal Handke später lieferte – körperliche Gewalt gegen die Lebensgefährtin, Fausthiebe gegen einen Literaturkritiker, zahlreiche abgebrochene Interviews des sich jeweils provoziert fühlenden Autors, Beschimpfungen aus der Genital- oder Analsphäre gegen kritische Zeitgenossen vorzugsweise weiblichen Geschlechts, eine fast zweistellige Zahl von Büchern, in denen er mal mehr, mal weniger subtil sein geschichtsrevisionistisch-völkisches Jugoslawienbild zeichnet und nebenbei Propaganda für serbische Kriegsverbrecher macht, Interviews in denen er einen Genozid leugnet oder relativiert -, er erinnert die Öffentlichkeit mit diesen Skandalen immer wieder daran, dass es ihn gibt und das verschafft ihm enorme Medienresonanz, die er mit seinen Romanen, Erzählungen und Theaterstücken allein nie auch nur annähernd erreicht hätte. Die Folge sind neue Leser und Literaturpreise wie am Fließband, zuletzt auch der Nobelpreis. Alle wissen heute, wer Handke ist – er ist ein Markenartikel.

Im Zeitalter der sogenannten Sozialen Medien ergeben sich natürlich noch mehr Möglichkeiten als früher. Wenn man sieht, wie ungehemmt narzisstisch sich viele Autoren auf ihren Social Media-Auftritten in Szene setzen, kann das ebenfalls als mehr oder weniger erfolgreiche Strategien der Selbstkommodifizierung sehen. (Ich nenne hier ganz bewusst keine Beispiele; jeder kennt solche Peinlichkeitsorgien.) Daneben gibt es aber auch die Autoren, die hauptsächlich damit beschäftigt sind, ihre Bücher zu schreiben. Und als Leser interessieren mich selbstredend Bücher mehr als irgendwelche Schriftstellerselfies, inszenierte Skandälchen oder Selbstvermarktungsstrategien von medienhungrigen Schreiberlingen.

Um nur ein einziges Beispiel zu nennen: ich kann mich nicht erinnern, jemals auch nur ein einziges Interview mit Hartmut Lange gelesen zu haben – wahrscheinlich gibt es ein paar, aber sie sind mir nicht erinnerlich; ich weiß nicht mal, wie er aussieht. Und auch sonst hab ich ihn noch nie weder in einer Talkshow gesehen – ok, das ist jetzt ein wenig geschummelt: ich habe nämlich seit vielen Jahren keinen Fernseher mehr -, noch ist er mir als Unterzeichner irgendwelcher Appelle, Propagandist irgendwelcher zweifelhafter Thesen oder Sympathisant irgendwelcher dubioser politischer Gruppierungen erinnerlich. Wie steht er zum Klimawandel? Keine Ahnung, wahrscheinlich so wie ich auch. Seine Werke lassen einen hochintelligenten und reflektierenden Menschen vermuten. Das ganze markenartikelhafte Gehabe gibt es bei ihm (und vielen anderen Autorinnen und Autoren) überhaupt nicht. Es gibt nur, so zuverlässig wie bei einem Schweizer Uhrwerk, Jahr für Jahr aufs Neue diese relativ schmalen, aber großartigen Bücher von ihm. Erzählungen und Novellen hauptsächlich. In einer sehr schlanken, eleganten und verdichteten Prosa geschrieben. Egal, zu welchem der rund zwanzig Bände in der Diogenes-Backlist man greift, man wird einfach nie enttäuscht, sondern auf intelligente Art unterhalten und oft auch zum Nachdenken angeregt. Da lasse ich die ganze langweilige, ärgerliche Markenartikelliteratur gerne links liegen.

Anstatt jedem Hype und jedem Skandal hinterherzuhecheln, sollten wir die richtig guten Autorinnen und Autoren lesen.

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Fundstück (3)

„Irgendwann mal würde ich gern mit ein paar Freunden auf einer kleinen Insel leben, sie müßte ja nicht zu den Bahamas gehören. Vielleicht eine Bar betreiben, nichts Mondänes, ein kühles Plätzchen am Hafen, durchs Fenster kann man die Boote sehen. Vielleicht ein paar Stühle draußen unter der Markise, für die Touristen. Ein Tagesgericht, sonst nur Sandwiches und Drinks, aber die besten der Gegend. Man könnte fischen gehen, ab und zu auf die Nachbarinsel, wo es ein Spielkasino gibt. Jeder macht in aller Ruhe das, was er will. Einmal in der Woche ginge ich mit dem Vizekonsul und dem englischen Romanschriftsteller und dem Schnapsschmuggler ins Bordell, der Geschichten wegen. Ich weiß, du magst keine Geschichten, aber vielleicht brauchst du keine. Erinnerungen sind ja Scheiße, aber Geschichten halten das Leben zusammen. Manchmal, wenn du den großen Horror hast, ist eine gute Geschichte das einzige, was noch hilft.“

aus: Jörg Fauser, Der Schneemann

© Jörg Fauser 
© Diogenes Verlag 
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Fundstück (2)

London, den 19. April 1770

...Ich habe in meinem Leben sehr viele schöne Frauenzimmer gesehen, aber seitdem ich in England bin, habe ich mehrere gesehen als in meinem ganzen übrigen Leben zusammengenommen, und doch bin ich nur zehn Tage in England. Ihr außerordentlich netter Anzug, der einer Göttingischen Obstfrau einiges Gewicht geben könnte, erhebt sie noch mehr. Die Aufwärterin, die mir täglich Feuer im Kamin macht und mein Bett wärmt (mit der Bettpfanne, versteht sich, Gevatter!), kommt zuweilen mit einem schwarzen, zuweilen mit einem weißen seidenen Hut…in die Stube, trägt ihre Bettpfanne mit soviel Grace als manche deutsche Dame den Parasol, kniet sich vor dem Bette…mit einer Nonchalance nieder…und spricht dabei ein Englisch, wie es in Euern besten englischen Büchern kaum steht, Gevatter! Wenn Euer Herz etwas aushalten kann, so kommt herüber, ich stehe Euch dafür, Ihr sollt das Englische weghaben, ehe Euch das Bette vierzigmal ist gewärmt worden.”

Georg Christoph Lichtenberg: Brief an Johann Christian Dieterich    

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