“Neue Sachlichkeit (Wannsee)”, von Vladimir Sabourin

НОВА ПРЕДМЕТНОСТ (WANNSEE)

Клайст натиска бавно спусъка
ако S-Bahnа мине оттам
по същото време
би било съвпадение.


Neue Sachlichkeit (Wannsee)

Kleist spannt langsam den Abzug
wenn die S-Bahn dort genau
in diesem Moment vorbeigekommen wäre
wäre das ein Zufall gewesen.

 

Übersetzung aus dem Bulgarischen: Thomas Hübner

Das Original wurde zuerst hier, die Übersetzung hier veröffentlicht. Mein Dank geht an den Autor, Vladimir Sabourin.

 © Thomas Hübner and mytwostotinki.com, 2014-6. Unauthorized use and/or duplication of this material without expressed and written permission from this blog’s author and/or owner is strictly prohibited. Excerpts and links may be used, provided that full and clear credit is given to Thomas Hübner and mytwostotinki.com with appropriate and specific direction to the original content.

A long-term assignment

I got via email an invitation to be a tester of the Pokemon version 2017. It comes with an iPhone6s for free, various other knick-knacks, and 385 Euro per month for one monthly report (obviously this is a long-term or maybe life-time assignment).

And probably it will also look outstanding in my CV when I can mention later my experience as an official Pokemon tester?!

But on a more serious note: what the heck is Pokemon???

 © Thomas Hübner and mytwostotinki.com, 2014-6. Unauthorized use and/or duplication of this material without expressed and written permission from this blog’s author and/or owner is strictly prohibited. Excerpts and links may be used, provided that full and clear credit is given to Thomas Hübner and mytwostotinki.com with appropriate and specific direction to the original content.

Kommentar zu einem Nachruf auf Ernst Nolte

Ernst Nolte ist gestorben.

Von den Toten soll man gut reden oder dort, wo dies nicht möglich ist wenigstens respektvoll schweigen. Was allerdings vollkommen unakzeptabel, ja geradezu skandalös ist, sind Artikel wie der Nachruf auf Nolte von Lorenz Jäger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Während mit viel Empathie Noltes Lebensweg nachgezeichnet wird, wird seine höchst zweifelhafte Rolle im Historikerstreit nur in einem Nebensatz erwähnt, und seine jahrzehntelangen publizistischen Aktivitäten im neu-braunen Umfeld (Holocaustrelativierung, Verteidigung von Volksverhetzung und vieles mehr) als “Ungeschick” verharmlost – nicht ohne pauschal und anonym denjenigen, die wie Jürgen Habermas Nolte damals ein paar unbequeme Wahrheiten gesagt haben, “harte Angriffe” auf den Geschichtsrevisionisten zu bescheinigen, die Mitschuld an dessen Isolation (“Der Arme!” soll der uninformierte Leser wohl denken) hätten.

Vom Kapp-Putsch, der dem kommunistischen Umsturzversuch vorherging, von den zahlreichen politischen Morden der extremen Rechten nach Ende des 1. Weltkriegs, von der politischen Einäuigkeit der Justiz und politischen Institutionen zu jener Zeit hat Herr Jäger offenbar noch nie gehört, und zu schreiben dass Nolte derjenige gewesen wäre, der als Erster(!) ”den zeitlichen Vorrang der bolschewistischen Klassen-Vernichtungspolitik vor dem Holocaust” behauptet hätte, ist natürlich blanker Unsinn. Es genügte auch vorher schon ein simpler Blick in die Geschichtsbücher, um das zu wissen. Die Angriffe auf Nolte hatten einen anderen Grund, den Herr Jäger verschweigt. Oder schreibt er gar, was er schreibt wider besseres Wissen?

Offenbar hat Herr Jäger bis heute nicht verstanden, um was es bei dem Historikerstreit ging, und warum die Reaktionen auf Noltes geschichtsrevisionistische Thesen, die die Vernichtungsmaschinerie als simple Reaktion auf bolschewistische Verbrechen (und damit zumindest teilweise entschuldbar) darstellte, so heftig waren wie es dann der Fall war. 

Ein Nachruf auf einen der übelsten Geschichtsrevisionisten der Nachkriegszeit, der seinerseits Legendenbildung betreibt und versucht, die Leser in plumper Form zu manipulieren oder bewusst falsch zu informieren – das ist nicht der Qualitätsjournalismus, den ich von der FAZ erwarte!

 © Thomas Hübner and mytwostotinki.com, 2014-6. Unauthorized use and/or duplication of this material without expressed and written permission from this blog’s author and/or owner is strictly prohibited. Excerpts and links may be used, provided that full and clear credit is given to Thomas Hübner and mytwostotinki.com with appropriate and specific direction to the original content.

verschneite landschaft mit R.W.

verschneite landschaft mit R.W.

das photo, schwarzweiss
auf den ersten blick anscheinend nichts besonderes darauf
für einen weihnachtstag im gebirge
eine schneelandschaft
die du wohl trotz deines alters
mit kräftigen raumgreifenden schritten durchquert hast
das geländer
an dem du dich wahrscheinlich nicht festgehalten hast
die festen und sicheren abdrücke deiner winterstiefel
die der einzige luxus waren, den du dir geleistet hast
wohlverdient nach jahrelanger arbeit
beim abwaschen der tische in der anstalt
und beim kleben von tüten
eine nützlichere beschäftigung als das schreiben von büchern
(dein letztes fand genau siebzehn käufer)
du hattest wie die figuren aus deinem werk
den wahnsinn schon hinter dir
und warst geheilt
als dir der hut vom kopf rollte
und ein stückchen neben deinem körper
im schnee liegenblieb

Podgorica, 14.08.2016

 © Thomas Hübner and mytwostotinki.com, 2014-6. Unauthorized use and/or duplication of this material without expressed and written permission from this blog’s author and/or owner is strictly prohibited. Excerpts and links may be used, provided that full and clear credit is given to Thomas Hübner and mytwostotinki.com with appropriate and specific direction to the original content.

Machiavelli and “Literaturen Vestnik”

My first and last public word on the scandal surrounding the Bulgarian periodical “Literaturen Vestnik” can be read here.

Thanks to Vladimir Sabourin for the publication on his blog. 

 © Thomas Hübner and mytwostotinki.com, 2014-6. Unauthorized use and/or duplication of this material without expressed and written permission from this blog’s author and/or owner is strictly prohibited. Excerpts and links may be used, provided that full and clear credit is given to Thomas Hübner and mytwostotinki.com with appropriate and specific direction to the original content.

Avrom Sutskever: Mein Vater

Mein Vater (Mayn Tate)

Mein Vater ist eine Eisscholle auf den Flüssen Sibiriens, –
Meine Mutter ist ein Scheiterhaufen auf Viliyas Morast,
Doch beide sind sie in mir,
Der Scheiterhaufen und die Eisscholle.
Mein Kind, sie werden in mir sein
Auch hinter meinen geschlossenen Augen –
Der Scheiterhaufen und die Eisscholle.

aus: Avrom Sutskever (1913-2010), Poetishe Verk, Band 2, 1963

Zog Nit Keynmol as du geyst DEM LETSTN VEG

Avrom Sutskever – Photo: aus “Musique dans les Ghettos”, Claude Torres

Übersetzung aus dem Jiddischen von Thomas Hübner

 

© Avrom Sutskever, 1963
© Photo Claude Torres 
© Thomas Hübner and mytwostotinki.com, 2014-6. Unauthorized use and/or duplication of this material without expressed and written permission from this blog’s author and/or owner is strictly prohibited. Excerpts and links may be used, provided that full and clear credit is given to Thomas Hübner and mytwostotinki.com with appropriate and specific direction to the original content.

vielleicht

vielleicht

vielleicht ein häuschen mit garten, den mittelklassewagen in der garage
(die hypothek ist in dreißig jahren abbezahlt)
eine nette frau und vielleicht ein oder zwei kinder
eine sichere arbeit, vielleicht als lehrer oder sparkassenangestellter
alles so wie bei den andern
nur vielleicht eine spur grösser und adretter
die vorstellungen meiner eltern von einem gelungenen leben für mich
waren überschaubar und bodenständig
nicht überraschend in anbetracht dessen was sie erlebt hatten

vielleicht gab es ja doch eine verwechslung im krankenhaus nach der geburt
wie wären sie sonst zu diesem nomadensohn gekommen

Skopje, 29.07.2016


 

Auf Bulgarisch kann man das Gedicht hier lesen – vielen herzlichen Dank wieder an Vladimir Sabourin!

 © Thomas Hübner and mytwostotinki.com, 2014-6. Unauthorized use and/or duplication of this material without expressed and written permission from this blog’s author and/or owner is strictly prohibited. Excerpts and links may be used, provided that full and clear credit is given to Thomas Hübner and mytwostotinki.com with appropriate and specific direction to the original content.

Again Women in Translation Month

Incredible how fast one year has passed – another Women in Translation Month!

My modest contribution to Women in Translation Month is an overview regarding the books by female authors (or co-authors) I have reviewed, mentioned or from which I have translated texts (poetry) that I have published on this blog since last years’ Women in Translation Month:

Bozhana Apostolowa: Kreuzung ohne Wege
Boika Asiowa: Die unfruchtbare Witwe
Martina Baleva / Ulf Brunnbauer (Hg.): Batak kato mjasto na pametta / Batak als bulgarischer Erinnerungsort
Veza Canetti / Elias Canetti / Georges Canetti: “Dearest Georg!”
Veza Canetti: The Tortoises
Lea Cohen: Das Calderon-Imperium
Blaga Dimitrova: Forbidden Sea – Zabraneno more
Blaga Dimitrova: Scars
Kristin Dimitrova: A Visit to the Clockmaker
Kristin Dimitrova: Sabazios
Iglika Dionisieva: Déjà vu Hug
Tzvetanka Elenkova (ed.): At the End of the World
Tzvetanka Elenkova: The Seventh Gesture
Ludmila Filipova: The Parchment Maze
Sabine Fischer / Michael Davidis: Aus dem Hausrat eines Hofrats
Heike Gfereis: Autopsie Schiller
Mirela Ivanova: Versöhnung mit der Kälte
Ekaterina Josifova: Ratse
Kapka Kassabova: Street Without a Name
Gertrud Kolmar: A Jewish Mother from Berlin – Susanna
Gertrud Kolmar: Dark Soliloquy
Gertrud Kolmar: Das lyrische Werk
Gertrud Kolmar: My Gaze Is Turned Inward: Letters 1938-1943
Gertrud Kolmar: Worlds – Welten
Harper Lee: To Kill a Mockingbird
Sibylle Lewitscharoff: Apostoloff
Nada Mirkov-Bogdanovic / Milena Dordijevic: Serbian Literature in the First World War
Mary C. Neuburger: Balkan Smoke
Milena G. Nikolova: Kotkata na Schroedinger
Nicki Pawlow: Der bulgarische Arzt
Sabine Rewald: Balthus: Cats and Girls
Angelika Schrobsdorff: Die Reise nach Sofia
Angelika Schrobsdorff: Grandhotel Bulgaria
Tzveta Sofronieva: Gefangen im Licht
Albena Stambolova: Everything Happens as it Does
Maria Stankowa: Langeweile
Danila Stoianova: Memory of a Dream
Katerina Stoykova-Klemer (ed.): The Season of Delicate Hunger
Kathrine Kressmann Taylor: Address Unknown
Dimana Trankova / Anthony Georgieff: A Guide to Jewish Bulgaria
Marguerite Youcenar: Coup de Grâce
Edda Ziegler / Michael Davidis: “Theuerste Schwester“. Christophine Reinwald, geb. Schiller
Rumjana Zacharieva: Transitvisum fürs Leben
Virginia Zaharieva: Nine Rabbits
Anna Zlatkova: fremde geografien
The Memoirs of Glückel from Hameln

What remarkable translated books by women have you read recently or are you reading right now?

 © Thomas Hübner and mytwostotinki.com, 2014-6. Unauthorized use and/or duplication of this material without expressed and written permission from this blog’s author and/or owner is strictly prohibited. Excerpts and links may be used, provided that full and clear credit is given to Thomas Hübner and mytwostotinki.com with appropriate and specific direction to the original content.

 


Anekdote aus dem Kalten Krieg

H. war in den ersten Jahren, nachdem er als Ergebnis schier endloser Fahrstunden den Führerschein bei der Bundeswehr erworben hatte, ein grottenschlechter Autofahrer. Das allein wäre sicher nicht der Erwähnung wert, jedoch wollte es eine Instanz, die wir für gewöhnlich gedankenlos “Schicksal” nennen, die aber einfach das Resultat bürokratischer Prozesse war, deren Logik sich dem Normalsterblichen entzog, dass H. in seiner Dienstzeit beim Militär – 15 Monate und 12 Tage; die 12 Tage sind eine andere Geschichte, die hier nichts zur Sache tut – nicht nur als Nachschubbuchführer, sondern auch als Kraftfahrer, und zwar als Chauffeur von Staffelführer Hauptmann Z., Dienst tun sollte. Der Staffelführer, ein korrekter, wenngleich manchmal leicht cholerischer Mann, schätzte H.’s unsicheren und leicht chaotischen Fahrstil durchaus nicht. Ein Unfall mit Sachschaden trug dazu bei, dass beide, H. und Z., der nächsten gemeinsamen Autofahrt mit erheblicher Nervosität entgegensahen.

Am betreffenden Morgen setzte sich Z. etwas zögerlicher in den Dienstwagen, den H. steuern sollte. Nachdem der Wagen das Kasernentor passiert hatte und um die erste Kurve gebogen und das Kasernengelände außer Sicht gelassen hatte, gab Z. das für H. überraschende Kommando: “Anhalten!” Kaum zum Stillstand gekommen erfolgte ein noch überraschenderes zweites Kommando: “Aussteigen! Fahrerwechsel!” Reichlich verdutzt stieg H. aus und ging um das Fahrzeug herum zur Beifahrertür, während der entschlossen wirkende Z. sich bereits ans Steuer des Wagens gesetzt hatte. Ohne ein weiteres Wort zu wechseln fuhren Gefreiter H. und der ihn chauffierende Hauptmann Z. an diesem Tag mehrere hundert Kilometer und absolvierten, von mehreren ebenfalls schweigend verbrachten Kaffee- und Essenspausen unterbrochen ihr Tagespensum, dessen Sinn sich H. ebenso wenig erschloss wie sein Dienstposten als Fahrer.

Als sie am Abend auf der Rückfahrt wieder an den Platz kamen, wo morgens der unerwartete Fahrerwechsel stattgefunden hatte, hielt Z. den Wagen an und stieg mit dem diesmal eine Spur beiläufiger klingenden Kommando: “Fahrerwechsel!” aus, wonach sie erneut die Plätze tauschten und H. die letzten 200m den Wagen mit Hauptmann Z. auf dem Beifahrersitz in die Kaserne lenkte, so dass für Außenstehende keineswegs etwas Bemerkenswertes zu verzeichnen war. Dieses kleine Schauspiel für den Rest der Kompanie, die von dem Geheimnis, dass der Hauptmann und der Gefreiter teilten, nie etwas erfahren sollten, wiederholte sich von diesem Moment an während des überwiegenden Teils von H.’s Dienstzeit mehrmals wöchentlich.

Auf die gelegentliche Frage, wie er denn seine Militärzeit zugebracht habe, antwortete H. später stets wahrheitsgemäß, dass er, H., diese Zeit hauptsächlich damit verbracht habe, sich von seinem Dienstvorgesetzten tagelang durch den Hunsrück und den Westerwald chauffieren zu lassen.

Prishtina, 23.07.2016 

 © Thomas Hübner and mytwostotinki.com, 2014-6. Unauthorized use and/or duplication of this material without expressed and written permission from this blog’s author and/or owner is strictly prohibited. Excerpts and links may be used, provided that full and clear credit is given to Thomas Hübner and mytwostotinki.com with appropriate and specific direction to the original content.


die katze döst auf dem heißen pflaster

die katze döst auf dem heißen pflaster
ihre atemzüge sind fast unmerklich
aber regelmäßig
sie weiß nicht
dass wir das zeitalter der ausbeutung
immer noch nicht beendet haben
sie weiß nicht
dass der mensch immer noch
dem menschen ein wolf ist
sie weiß nicht
dass das angeblich einzige lebewesen
welches zu mitgefühl und nächstenliebe fähig ist
trotzdem immer neue methoden der versklavung
folter und auslöschung ersinnt und anwendet
jetzt schlägt sie ihre geheimnisvollen
ägyptischen augen auf
und sieht mich an
sie weiß nicht
warum ich mich schuldbewusst
abwende

 

Herceg Novi, 10.07.2016

Eine bulgarische Übersetzung dieses Gedichts durch den Dichter und Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Vladimir Sabourin von der Uni Veliko Tarnovo findet sich hier. Dort gibt es auch ein mir gewidmetes Gedicht – welche Ehre! Danke, Vladimir!

© Thomas Hübner and mytwostotinki.com, 2014-6. Unauthorized use and/or duplication of this material without expressed and written permission from this blog’s author and/or owner is strictly prohibited. Excerpts and links may be used, provided that full and clear credit is given to Thomas Hübner and mytwostotinki.com with appropriate and specific direction to the original content.