Selbstkommodifizierung von Autoren

Auch in der Literatur hat sich in den letzten Jahrzehnten so etwas wie Commodification ausgebreitet. Bestimmten Autoren ist es gelungen, so etwas wie ein Markenartikel zu werden. Ein charakteristisches Beispiel dafür ist Ernest Hemingway, und in einer Besprechung eines seiner Romane habe ich darüber auch kurz geschrieben. Ein Autor, von dem alle ein bestimmtes Bild im Kopf haben, dass sich gewissermaßen von seinem literarischen Werk abgekoppelt hat und dieses häufig komplett ersetzt hat. Es soll Leute geben, die Hemingway als Lieblingsautor angeben, auch wenn sie noch nie ein Buch von ihm gelesen haben. (Mancher wäre unangenehm überrascht, wie schlecht und schwer erträglich manches von Hemingway ist, würde er ihn denn lesen.)

Dazu kommt, dass der Autor/in, der/die häufig in den Medien erscheint, in aller Munde ist und dadurch auch zum beliebten Gesprächsthema sich als gebildet betrachtender Menschen bei Cocktailpartys und dergleichen Gelegenheiten wird. Dabei ist es gar nicht unbedingt notwendig, herausragende Werke zu verfassen, entscheidend ist das soziale Interesse der Konsumenten.

Ein Autor, der das ganz ausgezeichnet verstanden hat, ist Peter Handke. Schon bei seinem allerersten Auftreten in den 1960er Jahren provozierte er das gesamte literarische Establishment der Gruppe 47; später kam dann seine Publikumsbeschimpfung dazu, in der er das Theaterpublikum auf ähnliche Weise provozierte. Die Leute finden das natürlich unterhaltsam und man kann sich je nach Naturell auch wunderbar darüber aufregen. Beides ist gut für den Autor in unserer heutigen Aufmerksamkeitsökonomie. Und egal, welchen Skandal Handke später lieferte – körperliche Gewalt gegen die Lebensgefährtin, Fausthiebe gegen einen Literaturkritiker, zahlreiche abgebrochene Interviews des sich jeweils provoziert fühlenden Autors, Beschimpfungen aus der Genital- oder Analsphäre gegen kritische Zeitgenossen vorzugsweise weiblichen Geschlechts, eine fast zweistellige Zahl von Büchern, in denen er mal mehr, mal weniger subtil sein geschichtsrevisionistisch-völkisches Jugoslawienbild zeichnet und nebenbei Propaganda für serbische Kriegsverbrecher macht, Interviews in denen er einen Genozid leugnet oder relativiert -, er erinnert die Öffentlichkeit mit diesen Skandalen immer wieder daran, dass es ihn gibt und das verschafft ihm enorme Medienresonanz, die er mit seinen Romanen, Erzählungen und Theaterstücken allein nie auch nur annähernd erreicht hätte. Die Folge sind neue Leser und Literaturpreise wie am Fließband, zuletzt auch der Nobelpreis. Alle wissen heute, wer Handke ist – er ist ein Markenartikel.

Im Zeitalter der sogenannten Sozialen Medien ergeben sich natürlich noch mehr Möglichkeiten als früher. Wenn man sieht, wie ungehemmt narzisstisch sich viele Autoren auf ihren Social Media-Auftritten in Szene setzen, kann das ebenfalls als mehr oder weniger erfolgreiche Strategien der Selbstkommodifizierung sehen. (Ich nenne hier ganz bewusst keine Beispiele; jeder kennt solche Peinlichkeitsorgien.) Daneben gibt es aber auch die Autoren, die hauptsächlich damit beschäftigt sind, ihre Bücher zu schreiben. Und als Leser interessieren mich selbstredend Bücher mehr als irgendwelche Schriftstellerselfies, inszenierte Skandälchen oder Selbstvermarktungsstrategien von medienhungrigen Schreiberlingen.

Um nur ein einziges Beispiel zu nennen: ich kann mich nicht erinnern, jemals auch nur ein einziges Interview mit Hartmut Lange gelesen zu haben – wahrscheinlich gibt es ein paar, aber sie sind mir nicht erinnerlich; ich weiß nicht mal, wie er aussieht. Und auch sonst hab ich ihn noch nie weder in einer Talkshow gesehen – ok, das ist jetzt ein wenig geschummelt: ich habe nämlich seit vielen Jahren keinen Fernseher mehr -, noch ist er mir als Unterzeichner irgendwelcher Appelle, Propagandist irgendwelcher zweifelhafter Thesen oder Sympathisant irgendwelcher dubioser politischer Gruppierungen erinnerlich. Wie steht er zum Klimawandel? Keine Ahnung, wahrscheinlich so wie ich auch. Seine Werke lassen einen hochintelligenten und reflektierenden Menschen vermuten. Das ganze markenartikelhafte Gehabe gibt es bei ihm (und vielen anderen Autorinnen und Autoren) überhaupt nicht. Es gibt nur, so zuverlässig wie bei einem Schweizer Uhrwerk, Jahr für Jahr aufs Neue diese relativ schmalen, aber großartigen Bücher von ihm. Erzählungen und Novellen hauptsächlich. In einer sehr schlanken, eleganten und verdichteten Prosa geschrieben. Egal, zu welchem der rund zwanzig Bände in der Diogenes-Backlist man greift, man wird einfach nie enttäuscht, sondern auf intelligente Art unterhalten und oft auch zum Nachdenken angeregt. Da lasse ich die ganze langweilige, ärgerliche Markenartikelliteratur gerne links liegen.

Anstatt jedem Hype und jedem Skandal hinterherzuhecheln, sollten wir die richtig guten Autorinnen und Autoren lesen.

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